Erfahrungsbericht 9 

Gedanken zum Ausstieg aus der 
Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage 

von Sven

28. Juli 2000

 
Liebe Leserin,

lieber Leser,

ein Ausstieg aus einer Glaubensgemeinschaft wie der HLT ist keine leichte Angelegenheit, deshalb begann ich während des Loslösungsprozesses Gedanken aufzuschreiben - dies verhalf mir zu mehr innerer Ruhe. Ich habe diese Gedanken nie veröffentlicht, weil ich sie für zu emotional, zu persönlich, schlecht strukturiert und sprachlich unausgereift hielt. Ich wollte deshalb diesen Text neu verfassen. Dies ist mir bis heute nicht gelungen und ich habe mich entschieden, das alte Manuskript trotz allem so zu veröffentlichen, wie ich es damals in der heißen Phase schrieb. Da in Deutschland noch nicht so viele Berichte existieren, kann jeder Erfahrungsbericht einem interessierten Menschen weiterhelfen.

Ich selbst denke nicht, dass es notwendig ist, aktiv gegen die Kirche vorzugehen, denn die Religionsfreiheit erlaubt nun mal jedem Menschen sich seine Lebensweise selbst auszusuchen, auch wenn dabei z. B. die Einschränkung der persönlichen  Entfaltung gefordert wird. Es muss jedoch für den Suchenden oder den kritischen Mormonen ein Angebot geben, sich Informationen einzuholen, die eine andere Meinung vetreten, als die der Mormonenkirche. Die Kirche übt starke Zensur aus  und der Markt für kritische Literatur ist in Europa zu klein. Deshalb hat das Internet entscheidend dazu beigetragen, dass genügend seriöses Quellenmaterial (meist in englisch) vorhanden ist, um die Kirche Jesu Christi HLT auch einmal aus einem anderen Blickwinkel zu untersuchen.

Meinen vollen Namen möchte ich aus beruflichen Gründen und zum Schutz meiner Familie nicht angeben. Bei Fragen kann der Webmaster kontaktiert werden, der diese dann an mich weiterleitet.

Text ursprünglich verfasst im April 1998, kleine Änderungen im Dezember 2000

Inhalt:

Vorwort
1. Meine Geschichte
2. Begründungen
3. Auszüge aus Hugo Stamms Buch "Sekten" inkl. Checkliste

Vorwort

Das Abenteuer, auf was ich mich einließ, nämlich weiter zu denken, als die Kirche erlaubt, hat in meiner Jugend begonnen und hat vor über einem Jahr Konsequenzen nach sich gezogen. Es war psychisch ein extrem schmerzlicher Prozeß. Ein Mensch, der in der Mormonenkirche aufgewachsen ist und von ihr dazu erzogen wurde, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage als Erlösungs-Institution anzuerkennen, wird den Loslösungsprozeß als traumatisch empfinden. Ich brauchte viel Kraft und Eigenvertrauen um diesen Schritt zu gehen. Ich war monatelang hin- und hergerissen und wußte oft nicht weiter. Letztendlich hat sich der Kampf für mich gelohnt, ich habe eine Entscheidung für mein Leben getroffen.

Die folgende Abhandlung enthält nicht alle Begründungen zu meinem Ausstieg, denn es kommen ständig neue Erfahrungen hinzu, die mir zeigen, dass die Mormonen-Kirche nicht, wie von ihren Führern behauptet, die wahre Kirche Gottes ist. Zu den meisten meiner Gedanken und Thesen besteht Quellenmaterial, welches ich hier nicht angefügt habe. Ich bin jedoch gerne bereit interessierten Lesern Zugang zu diesen Quellen zu verschaffen (bitte kurze E-mail an den Webmaster).

 
Mormonen und Kirchenaustritte

Ich bin der Ansicht, daß Religionen auf der ganzen Welt helfen können, Menschen einen Lebenssinn zu geben und auch Leben zum Positiven zu beeinflussen. Leider gibt es auch negative Auswirkungen. Wir sehen positive und negative Einflüsse von Religionen auf der ganzen Welt. Menschen, die im Mormonismus ihr Heil finden respektiere ich. Diese Abhandlung ist auch hauptsächlich für diejenigen geschrieben, die die Kirche in Frage stellen oder sich für meine Ansichten interessieren. Das eine derartige Abhandlung bei glaubenstreuen Mormonen als Angriff gewertet wird ist verständlich, denn ich werde natürlich die Dinge ansprechen, mit denen ich nicht mehr einverstanden bin.

Es ist für ein aktives Mitglied sehr schwer zu verstehen, warum ein ehemals aktives Mitglied "in gutem Stand" die Kirche aus intellektuellen Gründen verläßt. Mitglieder werden oft unsicher, wenn nicht sofort ein Grund ersichtlich ist. Folgende Gedankengänge spielen sich oftmals ab: "Welche Sünde hat den Abgefallenen in dieses Stadium gebracht", "Hat er sich von weltlichen Dingen beeinflussen lassen?", "Ist er von Satan beeinflußt?", "Er ist zu schwach". Bei völliger Ratlosigkeit kann folgende Begründung angewendet werden: "Er ist zu stolz gewesen, denn auch das Volk der Nephiten aus dem Buch Mormon sind durch ihren Stolz von Gott abgefallen". Mormonen hoffen und beten ab dem Stadium des "Abfallens" für ein Ereignis, welches den Aussteiger wieder zurückbringt. Außerdem haben gläubige Mormonen Mitleid mit den Abgefallenen, da er jetzt sein Leben wegwirft.

Ich denke ein Mensch, der die Kirche bewußt verläßt, hat entscheidende Vorteile gegenüber demjenigen, der sich gegenüber der Kirche durch "Übertretung schuldig gemacht" hat. Deshalb ist ein überzeugter "Aussteiger" auch nicht bemitleidenswert, denn er hat sich selbst entschieden und dies aus dem einfachen Grund heraus, seinen Überzeugungen treu zu sein. Vielleicht ist er hinterher nicht glücklicher als ein gläubiger Mormone, jedoch tut er im Grunde das gleiche, wie der aktive Mormone: Er lebt nach einem Werte-System mit dem der Verstand, das Herz und das Gewissen im Einklang steht.

Ich möchte nochmals erwähnen, daß mir der Sinn des Lebens jetzt nicht klarer ist als vorher - ich weiß nun nur von einem Teil meines Lebens, von dem ich mich bewußt verabschiede - und das aus gutem Grund.

Für einen Mormonen ist es sehr schwer überhaupt nicht zu glauben, da er darauf trainiert wurde an etwas zu glauben.

Ich habe zwar bemerkt, daß der Mensch sein Leben nicht komplett bestimmen kann, jedoch muß er selbstständig werden, in dem was er tut, überzeugt sein von den Werten die er annimmt und sein Leben so gestalten, daß es für ihn und andere Menschen nützlich ist. Ich bin mir außerdem sicher, daß sich der Mensch vor allem sich selbst, einem Gott und auch anderen gegenüber ehrlich sein muß, sonst wird sein Leben am Ende nicht viel Wert sein. Mehr kann ich zum jetzigen Zeitpunkt zum Sinn des Lebens nichht sagen - aber diese Abhandlung ist ja keine Anweisung zur Findung, sondern zum Ausstieg aus einer für unrichtig befundenen Glaubensgemeinschaft.

 
Ein Wort an die Menschen, denen die Mormonen unbekannt sind

Meine Geschichte und die dazugehörigen Argumente mögen Ihnen vielleicht unbedeutend, unverständlich oder gar lächerlich vorkommen. Um ein wenig die Problematik zu erkennen, stellen Sie sich eine Organisation vor, die stark in Ihr Leben eingreift. Die Kirchenführung nimmt das Recht in Anspruch, anstelle von Jesus Christus zu handeln und behauptet, die 100%ige Wahrheit des Lebens zu verkünden. Sie gibt zwar zu, daß andere Menschen und Kirchen auch Wahrheiten verkünden, wenn es jedoch um Ihre Errettung und den Sinn des Lebens geht, ist die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage die einzige maßgebliche von Gott gewollte Institution. Die Macht wird bis in die kleinen Gemeindeeinheiten und Familien weitergegeben. Sie wachsen in dieser Struktur auf und erfüllen Erwartungen, um Gott und den Kirchenführern gehorsam zu sein. Die Eingriffe in Ihrem Leben beziehen sich auf die Zeit, die Ihnen zur Verfügung steht, auf Spiritualität, auf Ihre Sprache, auf Ihre Freunde und Beziehungen, Ihre Kleidung, Ihr Essen, auf Kunst, Ihr Sexualverhalten, Ihre Selbstdefinition. Sie können sich in Ihrem Leben immer frei entscheiden, jedoch müssen Sie die Konsequenzen tragen, die einem immer wieder bewußt gemacht werden. Die alt- und neuzeitlichen Heiligen Schriften, die Sie studieren, enthalten viele Ratschläge, die bei Nichteinhaltung oft mit Strafen und Verdammnis belegt werden. Wenn Sie alle Ratschläge beachten, sind Sie glücklich, wenn nicht, dann sollten Sie darüber nachdenken, was Sie besser machen können oder herausfinden, warum Gott Sie prüft.

Teil 1: Meine Geschichte bis 1998

Kindheit/Jugend

Ich bin ein Mitglied der Kirche Jesu Christi HLT in der fünften Generation. Meine Eltern waren und sind gute Eltern und haben ihre Kinder in bestem Wissen und Gewissen und besonders viel Liebe aufgezogen. Beide sind aktiv in der Kirche tätig und ihre Religion hat sie sehr geprägt. Viele positive, auch kirchliche Eigenschaften wurden auf uns Kinder übertragen, wie zum Beispiel Disziplin, Engagement und Verantwortungsbewußtsein. Jedoch bin ich heute der festen Überzeugung, daß meine Eltern auch ohne die Kirche gute Eltern gewesen wären, da ihre Persönlichkeitsstruktur und der Charakter meiner Eltern dies klar widerspiegelt. Wenn sich Kinder von glaubenstreuen Eltern, gegen den Mormonismus entscheiden, kommt es normalerweise vor, daß sich Eltern Vorwürfe machen und sie vielleicht Defizite in der mormonischen Erziehung suchen. Die Kirche gibt sehr viele Ratschläge, wie man es als Eltern schafft, seine Kinder zur Glaubenstreue zu erziehen. Dies ist natürlich blanker Unsinn und es tut mir sehr leid, dass sich viele Eltern aufgrund des latenten Drucks der Kirche darüber so viele Gedanken machen.

Mit acht Jahren wurde ich getauft. Daran kann ich mich kaum erinnern, jedoch fand der Taufgottesdienst an einem schönen See statt. Meine Jugend in der Kirche verbrachte ich hauptsächlich in einer Gemeinde im Süd-West-Deutschland. Wenn ich meine Tagebücher aus dieser Zeit lese, stelle ich fest, daß ich schon damals sehr stark auf der Suche war und die Lehren der Kirche mich nie so richtig zufriedenstellten. Ich war aber immer ein Mensch, der gerne zuhörte und auch Ratschläge annahm. Dies führte dann oft zu Kompromissen, die ich dann jahrelang nicht wirklich verarbeiten konnte. Wenn man die alten Tagebücher liest, fällt auf, daß ich immer einen Hang hatte, alles in Frage zu stellen, zu grübeln und zu philosophieren. Nur fällt auf, dass ich oft nicht die richtigen Schlussfolgerungen zuließ und dann doch auf meine Eltern hörte.

Eines abends war ich einmal sehr unglücklich und betete zu Gott, wie ich es gelernt hatte, um zu wissen, ob die Kirche wahr ist. Ich hatte daraufhin ein sehr gutes Gefühl und war sehr froh, daß Gott mir eine Bestätigung durch den Heiligen Geist zukommen ließ.

Als ich dann älter wurde und meine Ausbildung abgeschlossen hatte, war es an der Zeit sich für oder gegen die Erfüllung einer bei den Mormonen erwarteten 2-jährigen ehrenamtlichen Vollzeit-Mission zu entscheiden. Von klein auf wurde mir in der Kirche erzählt, wie erstrebenswert eine Mission ist. Da ich immer ein tieferes Zeugnis vom Evangelium haben wollte, und dies als Gelegenheit ansah das Evangelium ausgiebig zu studieren, entschied ich mich für die Mission. Ein anderer Grund war meine Unzufriedenheit mit meinem Leben. Mein Ausbilder nervte und ich war froh aus der realen Welt zu flüchten. Meine Eltern nahmen große Opfer auf sich und finanzierten mir fast vollständig meine Missionszeit.

Mission

MTC

Ende der 80er Jahre diente ich als Missionar in Süddeutschland. Mein Missionars-Vorbereitungstraining absolvierte ich im MTC in London ab. Das Training war sehr intensiv und wir hatten wenig Zeit für uns selbst. Innerhalb von zwei Wochen war ich auf die Kirche eingeschworen, wie nie zuvor. Beim Lesen des Tagebuchs fällt auf, daß ich im Missionstrainingszentrum auch zwiespältige Gefühle hatte. Zitat: " ...ich habe das Gefühl, daß wir hier zu Einheitsmenschen erzogen werden ... ". Zwei Situationen sind mir stark im Gedächtnis geblieben. Wir studierten die erste Vision Joseph Smiths gemeinsam, jeder sollte einmal laut das Zeugnis von Joseph Smith vorlesen (... ich sah gerade über meinem Haupt eine Säule aus Licht ...). Als wir alle fertig gelesen hatten, war es sehr ruhig im Raum und der Präsident fragte uns, ob wir den heiligen Geist spüren. Wir sollten die Hände hoch halten, wenn es so wäre. Nach und nach gingen alle Hände hoch. Ich spürte nicht viel, außer die Ruhe und das etwas bedrückende Gefühl, da einige Schwestern in Tränen ausbrachen. Ich hob die Hand, um nicht aufzufallen. Jedoch hatte ich während dieser Tage oft auch ein gutes Gefühl und nahm an, den Heiligen Geist zu spüren, der ja die Wahrheit bestätigte.
Eine andere Situation, an die ich mich erinnere, war die, daß ein holländischer Missionar eine kritische Aussage gegenüber Joseph Smith machte, der Missionspräsident verlor daraufhin seine Kontrolle und warf dem Missionar vor, daß er kein Zeugnis hätte und fragte ihn öffentlich, warum er eigentlich hier sei, wenn er keinen Glauben habe. Am nächsten Tag entschuldigte sich der Präsident für seinen Ausbruch. Im MTC hatten wir 2x die Gelegenheit, an der Tempelzeremonie teilzunehmen. Ich hatte während der Zeremonie immer sehr eigenartige Gefühle, außerdem erhielt ich noch die ältere Form des Tempelrituals, welche die Strafen enthielt. Als dieser Teil des Rituals während meiner Mission durch "Offenbarung" abgeschafft wurde, fühlte ich mich auch nicht besser. Hier wurde ein Teil des Rituals abgeschafft, von dem wir gelernt hatten, daß es schon zu Salomons Zeiten so erfüllt wurde.

Jedenfalls versuchte ich meine ganze Mission, die negativen Gefühle zu verdrängen, was mir auch gelang.

Ziel eines jeden Missionars: Taufen

Unsere Mission wurde von einem Missionspräsidenten und seinen Assistenten, sowie Zonen- und Distriktsleitern geführt. Diese brachten es beispielsweise fertig, in einem Asylantenheim innerhalb von 48 Stunden 15 Afrikaner alle 6 Diskussionen zu geben und sie wenig später in einer Art Massentaufe zur Kirche zu bringen. Ein positiver Effekt der deutschlandweiten Afrikanertaufen war, daß sich auch konservative Mitglieder in Deutschland mit anderen Kulturen beschäftigen mussten. Ich hatte die Asylanten sehr gerne, da sie mir ein weiteres Weltbild vermittelten. Jedenfalls war unser Missionspräsident extrem an Taufergebnissen interessiert, wie sie wohl auch von den General-Authoritäten gefordert wurden. 1990 tauften wir ca. 650 Personen in der Mission (Ziel war 2000), ein großer Teil davon waren Asylanten. Wir wurden immer wieder aufgefordert nicht zu "stolz" zu sein in die Asylantenlager zu gehen und zu predigen. Kein Wunder gab es 1989-91 in Deutschland und auch weltweit die höchsten Wachstumsraten in der Kirche. Ein Buch wurde von vielen Missionaren gelesen, nachdem der Missionspräsident es empfohlen hatte: "Already to Harvest", dieses Buch wirkte sich insofern aus, daß ein Missionar sich einfach sehr schuldig fühlen mußte, wenn er nicht hunderte von Taufen während seiner Mission erreichte. Das Buch beruhte auf "Bündnisse schließen", es sagte aus, daß wir alles erreichten, wenn wir nur das richtige Bündnis dazu mit Gott schlössen. Ich versuchte mich daraufhin auch mit "Covenanting", natürlich nicht sehr erfolgreich. Jedenfalls wurden immer mehr Neugetaufte wieder inaktiv, daraufhin lockerte man die policy und schon am Ende meiner Mission waren "number games" nicht mehr ganz so wichtig. Unser neuer Missionspräsident las uns hierzu einmal einen vertraulichen Brief vor, der enthielt Informationen darüber, daß es einige Fälle von Missionaren gegeben habe, die den Leistungsdruck nicht mehr aushielten. Daraufhin wurden die Missionspräsidenten angewiesen, etwas sensibler vorzugehen. Übrigens: Ähnliche Tendenzen von noch größerem Ausmaß fanden in den 60er Jahren statt, als man ein Baseball-Programm zur Rekrutierung von männlichen Teenagern installierte. Dieses Programm wurde direkt in das offizielle Vollzeitmissionsprogramm der Kirche eingebunden. Auch hier war das Ergebnis der Neugetauften hohe Inaktivität und die Investitionskosten für das Programm wurden durch neue Zehntenzahler nicht wieder eingespielt. Im Gegenteil durch das Bauen für Gebäude in Europa und die nicht eintretenden Einnahmen durch das Baseball-Programm entstanden der Kirche Defizite von ca. 32 Mio. US $. Da der Druck immer größer wurde und die Missionen miteinander konkurrierten, kam es ebenfalls zu Problemen bei den Missionaren. Außerdem wurden Jungen in die Mannschaften durch die Taufe aufgenommen ohne zu wissen, auf was sie sich einließen. Das Programm wurde nach einigen Jahren eingestellt.

Struktur

Die Organisationsstruktur der Mission von 89-91 war absolut "Karriere-orientiert", d. h. wer keine Führungsposition inne hatte, mußte das Gefühl haben, ein minderer Missionar zu sein. Es war jedoch ziemlich einfach an Führungspositionen heran zu kommen:

  1. Trage viele Arbeitsstunden in den Wochenbericht ein (hier gab es jede Woche eine allen zugängliche Top-Stunden-Liste der am härtesten arbeitenden Missionare).
  2. Übe niemals Kritik.
  3. Erzähle dem Präsidenten, daß Du jetzt mehr lernen willst.
  4. Wirke so charismatisch, wie möglich.

Ich spielte das Spiel mit und glaubte auch an die Richtigkeit des Systems und schaffte es bis zum Zonenleiter. Hier hatte ich dann genügend Möglichkeiten, den Missionaren meiner Zone wichtige Ratschläge etc. zu geben.

 
Methodik

 
Eine Vollzeit-Mission ist das längste und beste Verkaufstraining, was man sich vorstellen kann. Als Anleitung diente ein Missionarshandbuch. In diesem Buch mußten wir jedem Morgen studieren und Rollenspiele ausführen: z. B. wurde gelernt, wie man sich selbst motiviert, "Kaltakquisen" macht, Empfehlungen erhält, Vertrauen aufbaut, Fragen stellt, präsentiert, Bedenken ausräumt, nachfasst und Menschen durch eine persönliche Verpflichtung zu einem Ziel führt. Das Missionarshandbuch könnte man bedenkenlos jedem "weltlichem" Verkäufer-Seminar beilegen. Damals verwunderten mich diese Praktiken zwar, jedoch dachte ich an die Stelle im neuen Testament, wo Paulus sagt, wir sollen uns schlau wie die Schlangen verhalten. Von den 6 auswendig gelernten Diskussionen durften wir nicht abweichen, weil sie von der ersten Präsidentschaft so genehmigt worden waren. Wer einen Untersucher bei der ersten Diskussion nicht sofort aufforderte sich taufen zu lassen, galt als zu weich. Übrigens verurteilten wir Untersucher nach den Terminen mit dem Prädikat "Ungehorsam", wenn wir das Gefühl hatten, der Heilige Geist war anwesend, der Untersucher jedoch nichts davon spürte. Eine positive Erfahrung waren die Stunden, an denen wir Dienen sollten, hier habe ich kranke, einsame Menschen kennenlernen und mit ihnen im Krankenhaus arbeiten dürfen.


Zum Thema Organisation und Struktur einer Mission könnte ich noch viele Dinge erzählen. Diejenigen, die mich kennen, werden sich fragen, warum ich erst jetzt diese negativen Gedanken und Erlebnisse erzähle. Hierzu kann ich nur sagen, daß mich auf Mission viele Dinge gestört haben, jedoch wurde im MTC gelehrt, daß der zweite Grundsatz des Himmels "Gehorsam" ist (der erste ist Liebe). Dieses Gebot befolgte ich sehr stark, um mir keiner Segnungen verlustig zu werden. Kritische Missionare wurden auch von mir damals mit Argwohn betrachtet.

Studium

Auf Mission las ich das Buch Mormon 10x, das Neue Testament 3x und Lehre und Bündnisse 3x. Das neue Testament fand ich eigentlich immer interessanter als das Buch Mormon, jedoch wurde uns geboten, daß wir hauptsächlich das Buch Mormon studieren sollten, da es das richtigste aller Bücher sei (siehe auch unzählige Ansprachen von Prophet Ezra T. Benson). Missionaren gegenüber, die auf Konferenzen immer feurig ihr Zeugnis über das Buch Mormon als ihr Lieblingsbuch gaben, kam ich mir manchmal innerlich minderwertig vor, da ich es eher als etwas langweilig empfand. Ich überzeugte mich im Laufe meiner Mission jedoch davon, daß dies das wichtigste Buch auf Erden ist. Da wir nichts anderes lesen durften, kam ich auch nicht auf kritische Gedanken. Ich schrieb jede Woche an meine Eltern, wir wurden angewiesen, nur "Erbauliches" zu schreiben, um so auch ein Segen für die Familie zu sein. Dies war auch kein Problem, da ich ein überzeugter Missionar war.

Die Früchte meiner Mission

Als Resultat meiner Mission konnte ich fünf Leute taufen und einige schlossen sich später noch der Kirche an. Für ein deutsches Gebiet konnte ich mit den Zahlen zufrieden sein. Wenn ich auf Mission niemanden getauft hätte, wäre ich sicher in eine gewaltige Depression gefallen. Nach meiner Mission hatte ich mehr Menschenkenntnis als je zuvor, war jedoch ideologisch sehr geprägt und akzeptierte Mitglieder nicht, die keine Missionsarbeit machten. Als positiv empfinde ich, daß mein Englisch während der 2 Jahre viel besser wurde und ich viel von meiner zurückhaltenden Art überwandt, da wir ja hunderte von Menschen auf der Straße anredeten. Ich wußte nun genau was ich wollte, eine Tempelehe und einige Kinder. Als ich zurückkam wunderte ich mich zu Anfangs über meine Familie, da ich sie als zu "weltlich" empfand. Da ich heute als Verkaufsleiter arbeite, denke ich, daß ich mein "Handwerkszeug" dazu auf Mission erhalten habe.

Eheschließung im Tempel

Wenn ich der Kirche für etwas dankbar bin, dann für die Möglichkeit, meine Frau kennenzulernen. Als ich sie das erste Mal auf einer Pfahlkonferenz sah, war es schon um mich geschehen und ich wußte, daß sie meine Frau werden würde. Ein dreiviertel Jahr später heirateten wir im Tempel. Die Zeremonie wurde vom Tempelpräsidenten vollzogen, es war eine sehr schöne, emotionale Erfahrung und viele Tränen flossen. Das Bewußtsein, für immer gesiegelt zu sein, hat etwas Erhebendes. Wir sind nach unserer Eheschließung nicht sehr oft in den Tempel gegangen, da meine Frau und ich uns dort nie besonders wohl fühlten. Jedenfalls haben wir den Tempel nicht bewußt gemieden aber auch nicht besonders oft besucht. Ich habe damals eine Berufung in der Pfahlmissionspräsidentschaft gehabt, die ich mit Eifer ausführte. Ich sprach mit Arbeitskollegen sehr oft über die Kirche und reiste auch durch einige Gemeinden und hielt aufbauende Ansprachen zur Missionsarbeit.

Meine kritische Zeit

Den Zeitpunkt, von dem an ich der Kirche gegenüber kritischer wurde, kann ich ziemlich genau beschreiben. Es war im Frühsommer 1996. Gründe hierfür würde ein aktives Mitglied in weltlichen Aktivitäten suchen. Für mich erkläre ich es mit der endgültigen Loslösung von meinen Eltern und einem starken Drang in die Zukunft zu sehen. Natürlich war es auch eine Zeit in der es uns relativ gut ging und die Arbeit mir Spaß machte. Schon als Ältestenkollegiumspräsident fühlte ich mich nicht mehr ganz wohl bei dem, was ich teilweise predigte. Ich fing an, meine ehrlichen Gedanken mit meiner Frau zu teilen, die daraufhin natürlich etwas geschockt war, sich jedoch auch schon öfter die Frage gestellt hatte, ob dies denn nun wirklich die Religion sei, die wir brauchen.
Als wir wieder in eine neue Gemeinde umzogen, wurde ich sehr schnell in die Bischofschaft und als hoher Priester berufen.
Für mich war dies wiederum ein "Wink von oben", ich sollte wieder auf den geraden Weg gebracht werden. Etwas überfordert trat ich meine neue Berufung an. Jedoch stellte sich nicht das ein, was ich erwartete, nämlich neue Einsichten und ein stärkeres Zeugnis aufgrund der Dinge, die man in der Bischofschaft lernt. Ich erfuhr, daß viele Entscheidungen aus dem Bauch heraus getroffen wurden oder mit der Argumentation eines Managers. Ich fühlte mich oft, wie im falschen Film. Meinen Bischof schätzte ich jedoch sehr, wegen seiner relativ liberalen Einstellung und seiner Menschlichkeit. Ihm offenbarte ich dann auch meine Bedenken gegen die Kirche, er war verständnisvoll, konnte mir im Prinzip aber auch nicht helfen, aus meiner Berufung entlassen wollte er mich auch nicht. Glücklicherweise wurde kurz darauf die gesamte Bischofschaft ausgewechselt (dies war abzusehen, denn mein Bischof hatte schon eine ganze Zeit mit heftiger Kritik von Mitgliedern leben müssen). Als mir die Pfahlpräsidentschaft eine neue Berufung übertragen wollte, erzählte ich von meinen Bedenken und sagte auch, daß ich für eine weitere Berufung derzeit nicht zur Verfügung stehen kann. Mein neuer Bischof interviewte uns beide und gab mir einen Segen durch Handauflegung, um mich wieder auf den rechten Weg zu bringen. Ich spürte während des Segens überhaupt nichts. Um nicht ganz arbeitslos in der Kirche zu sein, nahm ich die Aufgabe eines Sonntagsschullehrers an. Ich lehrte in der Klasse der 'Jungen Alleinstehenden Erwachsenen', was mir sehr viel Spaß machte, jedoch war es immer schwieriger Dinge zu lehren, von denen ich nicht überzeugt bin. Ich hatte die Erlaubnis der Bischofschaft, nur Dinge zu lehren, an die ich glaubte, die Lektionen waren dann aber doch sehr dogmatisch aufgebaut, so daß ich mich entschied, damit aufzuhören.

Eingebung, Einbildung oder Ergebnis?

Im Vorfeld passierten jedoch noch einige Dinge wie zum Beispiel das folgende Erlebnis: Als ich an einem März-Tag 1997 über das Leben und die Welt nachdachte, hatte ich plötzlich folgemden Gedankengang: Ich entfernte ich mich von der Erde (vielleicht kennt jemand diesen alten IBM-Werbefilm, indem man sich von der Erde entfernt und an die Grenzen des Universums reist). Ich startete vom Gemeindehaus der Rückertstraße und die Gemeinde wurde immer kleiner und die Welt immer größer, und dann wieder kleiner - mir wurde die extreme Anzahl der vielen Menschen bewußt, die alle ihren Zweck erfüllten und die vielen Religionen, die auf der Erde Platz haben. Ebenso wurde mir bewußt, daß wenn es einen Gott gibt, er ein anderer ist, als bisher angenommen. Ich fühlte, daß mit der Kirche etwas nicht stimmte. Ich war davon so begeistert, daß ich gleich darauf mit meiner Frau sprach und am liebsten aus der Kirche ausgetreten wäre. Meine Frau war davon verständlicherweise weniger begeistert. Ich habe keine Ahnung, ob meine Gedanken nun eine Spinnerei waren oder nicht, jedenfalls waren sie ein Meilenstein hin zur Veränderung meines Lebens, denn ich schaute kurz über meinen Mikrokosmos hinaus und hielt es für möglich, dass der Erlösungsplan, wie ich ihn kannte gar nicht stimmen musste - alles könnte ganz anders sein!

Ich entschied mich erst einmal keine Konsequenzen zu ziehen, denn auf solch ein "Zeugnis" hatte ich mich schon früher einmal verlassen, außer daß ich mich nun stärker mit der Kirche auseinandersetzen wollte. Mir wurde auch klar, wie einfach es war ein Erlebnis für einen bestimmten Zweck zu nutzen und zu einer Offenbarung zu machen.

Bestätigungen

Kurz fiel mir das Buch "Sekten" (Hugo Stamm) in die Hände. Es beschrieb sehr treffend, wie Glaubensgemeinschaften ihre Mitglieder dazu bringen, einem Glaubenssystem zu folgen und wie schwer es ist, von diesen Überzeugungen weg zu kommen. Die Kirche Jesu Christi ist zwar nicht unbedingt vergleichbar mit den heutigen populären Sekten, jedoch fand ich eine hohe Übereinstimmung beim Vergleich mit den angewandten Methoden. Ich werde auf diese Methoden weiter unten zu sprechen kommen. Dieses Buch bestätigte meine eigenen Theorien zu Glaube, Religion und Mormonismus, die mich seit meiner Jugend beschäftigten.

Das Internet war mir ebenfalls eine große Hilfe - hier hatte ich jedoch zuerst nach positiven Informationen zur Kirche gesucht und auch gefunden, in Compuserves 1st Ward gab es auch intellektuelle Mormonen, die ganz gute Antworten auf Fragen bereitstellten, jedoch nicht immer befriedigend. Man stößt im Web aber unweigerlich auch auf kritische Seiten zum Mormonismus mit vielen interessanten Original-Texten und wichtigen Dokumente zur Geschichte der Kirche. Mir gingen dann irgendwann "viele Lichter auf", ich konnte auf einmal verstehen, warum und wie die Kirche sich in all den Jahren entwickelte. Ich fand viele interessante Hinweise, die mich in meiner Denkweise bestätigten. Außerdem erkannte ich, daß es noch mehr Menschen gibt, die ähnliche Erfahrungen machten, wie ich selbst. Daraufhin unterhielt mich mit Mitgliedern aus der Gemeinde, die sich in der Kirchengeschichte auskannten und las auch Literatur zur Verteidigung der Kirche. Schließlich fand ich heraus, daß die Kirche auf einer Grundlage von Lügen beruht, die über die Jahre eine erstaunliche mystische und strukturelle Eigendynamik entwickelt haben. Meine Recherchen führten schließlich zum Kirchenaustritt.

Wertung von 29 Jahren Mormonismus

Ich sehe die Jahre Identifikation mit dem Mormonentum nicht als vertane Zeit an, hier habe ich viel gelernt, doch jetzt ist es an der Zeit meinen Weg weiterzugehen. Meine Jugend habe ich durch meine Religion sicher bewußter erlebt, als viele meiner Mitschüler, auch wenn es nicht immer einfach war, die Verhaltenskodexe der Kirche einzuhalten. Ich habe in der Kirche schöne und schlechte Erfahrungen machen dürfen. Zum Beispiel ist das Bewußtsein, daß man mit seiner Frau ewig weiterleben kann eine sehr schöne Erfahrung - jedoch müssten wir es auch akzeptieren, wenn es dann doch nicht so wäre. Ich habe viele gute und interessante Menschen kennengelernt. Ich schätze sie weiterhin sehr, denn alle aktiven Mitglieder der Kirche möchten ein gutes Leben führen und Gott und den Menschen dienen. Schade ist nur, daß offene Diskussionen sehr schwer möglich sind, da die Denkmuster weltweit so konform sind. Ein Rückzug aus der Gemeinschaft wird von den Mitgliedern oft als Ausdruck des schlechtes Gewissens interpretiert. Sie verstehen nicht, daß der Rückzug ein Ausdruck für den Schutz des Mitglieds vor Konflikten sein kann. Viele Aussteiger respektieren den Glauben der Mitglieder, jedoch können Mitglieder einen Ausstieg nicht wirklich akzeptieren, da nur die Kirchenaktivität zur Erlösung führt. Hier entstehen Diskrepanzen, die es oft unmöglich machen, dass Gläubige und Nichtgläubige vernünftig miteinander reden. Aussteiger werden oft als schwache Menschen angesehen, die es nicht schaffen, die Gebote zu erfüllen und sich deshalb zurückziehen.

Fazit:


Ich bin glücklich, mich von dieser Glaubengemeinschaft gelöst zu haben, da ich jetzt lerne selbstständig zu denken und Eigenverantwortung zu tragen. Daß das Leben zu großen Teilen von mir nicht beeinflußbaren Faktoren abhängt, darüber bin ich mir im klaren. Die Loslösung ist ein Prozeß, der nicht von heute auf morgen abgeschlossen sein wird. Manchmal gab es auch Tage, da dachte ich: "Gib auf - geh wieder in die Kirche - dann hast Du ein einfacheres, geregeltes Leben." In diesen Fällen muß ich mich wieder auf meine Werte besinnen. Ich komme mir manchmal vor, wie ein Computer, der in manchen Mustern neu programmiert werden muß.

Im nun folgenden zweiten Teil meiner Abhandlung werde ich einige konkrete Gründe zu meiner Entscheidung anführen.

Teil 2: Zusammenfassung der persönlichen Gründe

Die folgenden Punkte sind zugegebenermaßen nicht bis ins Detail ausgearbeitet. Jedoch habe ich mir zu jedem der Punkte lange Gedanken gemacht und kann dazu auch mit Quellenmaterial dienen. Die folgenden Punkte sind nur Auszüge aus meiner eigenen Argumentation (nicht nach Priorität sortiert!)

Die Zukunft unserer Familie

Ich traf diese Entscheidung, weil jetzt noch genug Zeit ist, mein Leben zu ändern. Unsere zukünftigen Kinder würde ich mit meiner Frau gerne so erziehen, daß sie mit klarem Menschenverstand aufwachsen. Ich möchte sie vor Indoktrination schützen, die sehr früh in der mormonischen Kindheit beginnt.

Moronis Aufforderung (Moroni 10:3-5)

Ein Prophet des Buches Mormon "Moroni" fordert uns auf einen Test zu machen und so herauszufinden, ob das Buch Mormon wahr ist, denn es gibt keine historischen oder archäologischen Hinweise, daß die Platten wirklich existiert haben. Der Test funktioniert so: 1. Lesen, 2. Im Herzen nachdenken, 3. Mit Vorsatz und Glauben fragen, 4. Auf die Bestätigung durch den Heiligen Geist warten (gutes warmes Gefühl oder Ereignis). Diese Aufforderung ist meines Erachtens sehr gefährlich, denn bevor man überhaupt anfängt zu beten, ist der Wunsch schon im Kopf vorgeformt. Bei emotionalen Menschen muß es hier zu Unklarheiten kommen, bei rationellen Menschen bleibt die versprochene Reaktion aus.

Institution Ehe und Familie

In der Kirche wird viel über Familie und Ehe gelehrt. Menschen, die diese Gelegenheit nicht bekommen oder auch nicht mit Kindern gesegnet sind, fühlen sich oft benachteiligt. Das man auch nach diesem Leben noch Kinder bekommen kann erscheint als schwacher Trost, denn die Verheißung für Vermehrung wird hier auf dieser Erde während der Tempelhochzeit ausgesprochen. Interessant ist auch, daß es besser ist, den richtigen Partner durch das Gebet zu finden, als durch Liebe. Das Halten der Gebote und Bündnisse garantieren eine erfolgreiche Ehe. Diese Punkte sind mir aufgefallen, als ich eine Lektion der Sonntagschule über den Bund der Ehe durchgenommen habe. Ich war etwas betrübt, daß das Wort Liebe in dieser Lektion überhaupt nicht vorkam. Früher waren Scheidungen sehr schwer möglich, heute ist es auch in der Kirche relativ leicht möglich sich scheiden zu lassen, wobei eine erneute Tempelhochzeit für Frauen schwerer zu erreichen ist, als für einen Mann, da im Himmel immer noch ein polygames Gesetz gilt.

Nächstenliebe

Ein Vorteil der Kirche ist das Eingebundensein in ein gesellschaftliches Gerüst. Hier ist es möglich viele gute Eigenschaften, wie "dienen", "arbeiten", "lernen/lehren" zu entwickeln. Aufgrund der Vielzahl der Beschäftigungen und Aktivitäten ist es relativ leicht möglich, sich produktiv zu fühlen. Sich produktiv zu fühlen, gehört zum Leben, wer sich nicht produktiv fühlt, bekommt früher oder später Probleme. Ebenso ist es wichtig anerkannt zu werden, in der Kirche gibt es ein Vielzahl von Titeln und Berufungen, die erreicht werden können - Anerkennung ist in der Menschheit immer ein wichtiges Motivationsmittel gewesen. Ich habe mich oft gefragt, ob und warum ich das Gebot der Nächstenliebe wirklich erfülle.

Rassismus

Dieser Punkt hat mich von frühester Kindheit an beschäftigt und ist auch innerhalb der Kirche umstritten: Warum erhielten dunkelhäutige Bevölkerungsgruppen erst 1978 das Priestertum? Brigham Young sagte, daß wenn die schwarze Bevölkerungsgruppe das Priestertum erhält, die Kirche sich definitiv in den Abfall begibt. . Interessant ist, daß der Rat der Zwölf schon seit 1969 dieses Problem diskutiert hat, da zu diesem Zeitpunkt die Stanford University sich weigerte an Sportveranstaltungen teilzunehmen, bei denen die BYU beteiligt war. Es dauerte fast 10 Jahre, bis sich die Kirchenführung durchrang, schwarzen das Priestertum zu übertragen. Die dazugehörige "Offenbarung" erfolgte zu spät und auch erst dann, als die Kirche deshalb fast Ihre Steuerbefreiung verlor. Die Erklärungen von Kirchenführern und mormonischen Intellektuellen überzeugen mich in keinster Weise. Ein kürzlich erschienener Artikel in der LA-Times sorgte in SLC für Aufruhr, denn hier wurde spekuliert, daß die erste Präsidentschaft sich gerade Gedanken über ein Statement zu diesem Problem macht, denn bisher wurde gelehrt, daß Kain (der Mörder von Abel) der Vater der Schwarzen ist. Die erste Präsidentschaft hat sofort mit einer kurzen und knappen Gegendarstellung geantwortet.

Polygamie

In den heutigen toleranten Zeiten wäre Polygamie wahrscheinlich kein so großes Problem mehr, sie wird ja auch von den Gesetzeshütern in Utah nicht mehr verfolgt. Jedoch störte mich immer der Umgang mit dem Thema. Die Offenbarung zum Stop der Polygamie kam hier wiederum sehr spät. Erst als die Regierung den Mormonen das Messer auf die Brust setzte, wurde eingelenkt. Ich hielt es schon immer für eine Farce hier von einer Offenbarung zu sprechen. Heute wird kaum noch darüber gesprochen, daß einige Propheten Ihre Frauen mit nach Mexico ins Exil nahmen. Ebenso wird nicht davon gesprochen, daß die erste Präsidentschaft bis 1904 (14 Jahre nach dem Dekret zum Stop der Vielehe) polygame Ehen geschlossen hat. Geduldet wurde sie bis ca. 1933. Viele Mitglieder wissen nicht, daß Joseph Smith die Polygamie heimlich eingeführt hat und mit zahlreichen Frauen verheiratet war (ebenso mit einem 14-jährigen Mädchen und einigen verheirateten Frauen, während die Ehemänner sich auf Mission befanden). Ein aktuelles Beispiel für die Verschleierung von Tatsachen ist der gemeinsame Leitfaden für FHV/Priestertum für das Jahr 1998. Hier wird Präsident Young als Monogamist dargestellt, der sein Leben lang eine kleine Familie hatte. Originaltexte von Brigham Young wurden so abgeändert, daß keine Diskussionen entstehen (z. B. wives=wife, Wives=family). Präsident Young hatte erwiesenermaßen ca. 55 Frauen. Es gibt Aussagen von Kirchenführern zur Polygamie, die selbst hartgesottene Mormonen staunen lassen.
Ich denke die Kirche sollte mit Ihrer Vergangenheit einfach ehrlicher umgehen.

Die Kirche hat auch gute Früchte

Dies ist eine Sache der Definition, jedoch sind Mormonen unbestreitbar als ehrliche und zuverlässige Menschen bekannt. Ich vertrete die Auffassung, daß "Besser" nicht gleichzusetzen ist mit "wahr". Daß Propheten an guten Früchten erkannt werden lehrt schon die Bibel und über die Früchte lässt sich streiten. Die Bibel lehrt auch, daß Prophezeiungen in Erfüllung gehen müssen, hier entstanden im Laufe der Zeit bis heute erhebliche Defizite.

Tempel

Im Tempel geht es sehr friedlich und ruhig zu, die Umgebung ist sehr schön und man kann hier gut beten und meditieren. Die Rituale im Tempel passen nicht zum Bild des Jesus aus dem neuen Testament. Die Bündnisse sind mit etwas kulthaften behaftet, sie lassen sich erwiesenermaßen im Freimauerertum wiederfinden, welchem Joseph Smith kurz angehörte, innerhalb der Hirarchie jedoch sehr schnell aufstieg. Seit die Strafen nicht mehr im Ritual inbegriffen sind, wirkt das Ritual positiver. Ein gläubiger Christ wird hier jedoch einen liebenden Gott kaum finden, das Wort "Liebe" kommt meiner Erinnerung nach im Ritual gar nicht vor. Als Mitglied fühlt man sich im Tempel der Welt überlegen. Das Tragen von Garments hilft das Mitglied stärker zu binden (spezielle Priester-Unterwäsche - werden Tag- und Nacht getragen).
Wenn sich Zweifel einschleichen, stellt man sich Personen vor, die man aufgrund Ihrer Persönlichkeit achtet und beruhigt sich mit Gedanken wie: "na, ja, diese tollen Menschen machen das ja auch" (diese Aussage wurde mir mehrfach zugetragen und mir selbst ging sie auch schon durch den Kopf). Jedoch habe ich viele Menschen getroffen, denen der Tempel ein tröstlicher Ort geworden ist, der therapeutisch wirkt. Über die negativen Erfahrungen kann ich nicht viel sagen, da darüber in der Kirche nicht gesprochen wird. Interessant wäre eine Studie darüber welche Arten von Bedrängnissen im Tempel verarbeitet werden, evtl. könnte im Vorfeld schon einiges ausgeräumt werden.
Ich persönlich respektiere diesen Ort als Anbetungsstelle, wie Synagogen, Moscheen, Tempel und Kirchen anderer Religionsgemeinschaften, ebenso denke ich, hat jede Gemeinschaft das Recht den Zugang dieser heiligen Stätten zu begrenzen.

Erlösungsplan

Der Erlösungsplan der Mormonen macht nur bedingt Sinn:

  1. Der Gott der Mormonen verlangt Gehorsam und Konformität, die Vielfalt, die er schuf, möchte er nicht wirklich.
  2. Das wichtige Prinzip der Vermehrung auf der Erde funktioniert nicht bei allen Ehepaaren (es wird auf Adoption und ewiges Leben verwiesen).
  3. Der Plan ist nicht sehr effizient, da die Wiederherstellung der Wahrheit sehr spät erfolgte und Milliarden von Seelen erst noch durch Mormonen stellvertretend errettet werden müssen.
  4. Das heutige Christentum wurde von Päpsten unter enormen Blutvergießen durchgesetzt, wenn wir ehrlich sind beruht der gesamte christliche Glaube auf dieser Grundlage.
  5. Ein Gott sollte alle Menschen kennen und lieben, in diesem Fall akzeptiert er auch verschiedene Glaubenssysteme und Menschen. Mormonen fühlen sich als Elite (auserwähltes Volk), einen elitären Gott kann und will ich mir nicht vorstellen.
  6. Der Glaube an ein Vorherdasein löst zwar vordergründig viele Probleme, jedoch läßt sich das Prinzip nur stark von Spekulation tragen.

Bindungssysteme - Suggestion

Unter Bindung an die Religion verstehe ich Investitionen und Rituale, die die Bindung zum Glauben stärken. Hierbei verweise ich auf immer wieder zu wiederholende Rituale im Tempel, sowie die Eigenart der Mormonen, jeden Monat ihr Zeugnis zu geben. Auf Mission habe ich gelernt: "wenn Du ein schwaches Zeugnis hast, gib es". Dies trifft genau den Punkt, das ständige wiederholen von Worthülsen ("... ich weiß, daß dies wahr ist ...") wirkt suggestiv. Besonders befremdlich finde ich die Unart kleinen Kindern das Zeugnis vor versammelter Menge ins Ohr zu flüstern. Unter Bindung verstehe ich auch das Zahlen des zehnten Teils des Einkommens - ich investiere nur in etwas an was ich glaube. Oder anders gesagt, ein Mitglied das so viel Geld investiert, gibt nicht so schnell auf. Ein weiteres Beispiel: Die Finanzierung einer Mission soll möglichst vom antretenden Missionar selbst finanziert werden, jedoch reicht in den meisten Fällen das Geld nicht, die Eltern oder die Kirche müssen aushelfen, hierdurch ergeben sich längerfristig neue Abhängigkeiten.

Missionswerk

Meine Einstellung und Erfahrung hierzu ist im ersten Teil zu lesen. Ich könnte mir vorstellen, daß es im Zuge der zukünftigen Informationsgesellschaft bald neue Mittel und Wege von der Kirche erarbeitet werden, um hier noch effektiver zu werden. Die Investitionen in das Wachstum der Kirche sind jedenfalls enorm.

Gesellschaftliche Struktur der Gemeinden

Meiner Meinung nach, entstehen sektentypisch eher wenige echte Freundschaften. Da die Gemeinden aus völlig unterschiedlichen Menschen bestehen, ist es nicht immer einfach, echte Freunde zu finden. Außerdem hat die Kirche ein System installiert, welches die Mitglieder in eine Art gegenseitige Überwachung einbindet. Solange sich alles im kirchlichen Rahmen abspielt, kann man viel Spaß haben und auch gegenseitige Hilfe erwarten. Ein echtes Freundschaftsgefühl kann aber nicht erzwungen werden und ich habe deshlab meist nur außerhalb der Kirche echte Freundschaften gefunden.

Rolle der Frau

Frauen stehen enorm unter Druck, auf der eine Seite sollen sie eine gute Ausbildung absolvieren, auf der anderen muss das wichtigste Ziel sein Kinder zu bekommen und Mutter zu sein. Zu viele Frauen geben ihre Persönlichkeitsentfaltung zugunsten ihrer Männer auf. Die Ausrede, daß doch die Ehen bei den Mormonen im Schnitt länger halten, lasse ich nicht gelten. Die Scheidungsrate nimmt in der Kirche ebenfalls zu. Außerdem ist die Qualität einer Ehe entscheidend - und diese ist nicht so leicht meßbar, wie die Dauer einer Ehe. Mormonenfrauen sind auch darauf trainiert worden, gehorsam zu sein, auch dem "rechtschaffenen" Ehemann gegenüber. Sicher wird sich in den folgenden Jahren auch zu diesem Thema in der Kirche noch einiges ändern - gezwungenermaßen. Die Kirche bleibt auf eine eigentümliche Art "altmodisch", wobei sie sich doch fortentwickelt aber weiterhin behaupten kann "nicht mit der Welt" zu gehen.

Werke

Ein wichtiger Punkt der Mormonen-Lehre ist, daß der Mensch sich zum positiven ändern kann. D. h. in seinem Leben sollten sich viele gute Werke widerspiegeln. Christliche Kritiker dieses Prinzips betonen, daß man durch Werke nicht errettet werden kann, sondern nur durch Glauben und die Gnade Gottes. In der Kirche Jesu Christi wird sehr viel Wert gelegt auf Dinge wie "Speisevorschriften", "Familienheimabend", "Heimlehren" "Vorratshaltung" etc.. Ich erinnere mich an endlose Diskussionen, ob nun Jugendliche beim Abendmahl ein weißes Hemd anziehen müssen, oder mit welcher Hand das Abendmahl ausgeteilt wird. Ich denke hier werden oftmals falsche Prioritäten gesetzt. Ich habe mir einmal überlegt, welchen Unterschied es macht, in der Kirche aktiv zu sein und nicht aktiv zu sein. Ich bemerkte, daß die Kirche einen so beschäftigt hält, daß für "inne halten" überhaupt keine Zeit bleibt. In Führungspositionen werden so viele Meetings gehalten, daß für echtes Dienen gar keine Zeit mehr bleibt. In der Kirche gibt es viele gute Menschen, die Gutes tun, nur habe ich den Eindruck, daß viele Probleme "hausgemacht" sind und gar nicht entstehen würden, wenn es die Kirche nicht gäbe. Natürlich kann man mich jetzt Fragen, was ich denn jetzt mit dem Sonntagmorgen anfange, ob ich denn jetzt bessere Werke vollbringe. Diese Frage will ich jedoch nicht kommentieren, da sie nichts mit meiner These zu tun hat.

Indoktrination

Kinder werden stark manipuliert. Gerade in den Jahren des Kleinkindalters, werden wichtige Weichen für die Zukunft gestellt. Hier wird das Gewissen der Kinder für lange Jahre geprägt (hierzu gibt es wissenschaftliche Abhandlungen). Ich halte es für zweifelhaft Kinder mit 8 Jahren zu taufen. Kinder lernen durch Ihre Eltern und die Lehrerinnen in der Kindergartenorganisation, wie ein Leben gestaltet sein muß, um glücklich zu werden. Einige Beispiele über Konzepte, die sehr früh gelehrt werden: "Satan ist sehr mächtig, er kann unsere Seele zerstören, wenn wir nicht auf den Rat der Propheten hören", "der Prophet führt dich niemals in die Irre", "Der Tempel ist ein wunderbarer Ort, er hilft Probleme zu lösen und ist notwendig, um in den Himmel zu kommen." Für viele Jahre hört ein Kind bei Zeugnisversammlungen folgende Phrasen: "Ich weiß, daß die Kirche wahr ist", "Joseph Smith war ein wahrer Prophet", "das Buch Mormon ist wahr", "das Zahlen des Zehnten hat mir geholfen" ...). Dies sind nur einige Auszüge aus dem Indoktrinations-Katalog.
Einige Liedtitel, die von früher Kindheit an auswendig gelernt werden müssen: "Ich möchte einmal auf Mission gehen", "Den Zehnten zahlen möchte ich", "Dem Herrn gehorchen", "Ein Engel kam zu Joseph Smith", "Unser freundlicher Bischof".

Hat ein Kind wirklich die Chance sich zu entscheiden? Inwieweit wird es diesen Personen jemals möglich sein, eigene Denkmuster und Wertesysteme zu entwickeln?

3-11 Jahre - 2-5 x täglich beten 
- Jeden Sonntag 2 Std. Religionsunterricht (+ Abendmahlsversammlung) 
- Montags Familienabend (Familienreligionsunterricht) 
- Öffentlich Zeugnis geben (mit Hilfe von Erwachsenen - kein Muß) 
- Taufe 
12-18 Jahre - Ordinierung zum Priestertum durch Handauflegung (männlich) 
- Teilnahme an Junge Damen-Organisation mit regelmäßiger Verpflichtungsspruch 
- Teilnahme an Pfadfinder-Organisation mit religiösem Hintergrund 
- Teilnahme an 4-jährigem Seminar zum Schriftstudium (1-3x pro Woche vor Schulbeginn)
- Regelmäßige Interviews mit dem Bischof (auch über Sexualverhalten) 
- Totentaufen im Tempel (inkl. Würdigkeitsbefragung) 
19-26 Jahre - Teilnahme am Institut (Studieren von Heiliger Schrift)
- Erlangung des Tempelbündisses 
- 2-jähriger Missionsdienst (unter Ausschluß von allen Medien und Familie) 
- Vorbereitung auf Ehe 

Die Indoktrination geht jedoch das ganze Leben weiter, sobald man die Authoritäten anerkennt, wird man ständig über die selben Dinge belehrt und angehalten.

Die Redefreiheit in Versammlungen

Ein Vorteil von Mormonenversammlungen ist der gemeinsame Austausch von Erfahrungen. Jedoch werden sehr kritische Fragen und Bedenken nicht gerne erörtert, oftmals werden Fragen abgetan mit Sätzen wie: "Für die Errettung nicht wichtig". Die Angst vor "Falschlehren" ist groß - also werden kritische Themen oft nicht angesprochen. Die Offenheit differiert jedoch von Gemeinde zu Gemeinde.

Political Correctnes

Gordon B. Hinckley, der aktuelle Präsident der Kirche, hat lange im Marketing gearbeitet und er weiß was draußen in der Welt vor sich geht, das macht ihn mir eigentlich sympatisch. Zur Zeit erwehrt man sich jedoch nicht dem Eindruck, als versuche die Kirche all das zu tun, was sich nicht von dem unterscheidet, was global wachsende Firmen tun. Sie suchen sich die Zielmärkte mit dem schnellsten Wachstum, versuchen ein weltweites Image (inkl. teure Fernsehwerbespots) aufzubauen und hoffentlich durch wohltätige Zwecke ethisch gut dazustehen. Dies ist im Grunde kein Nachteil, jedoch gehen hier Schritt für Schritt Wahrheiten verloren, die nicht mehr in das Bild der Kirche passen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die weltweit gleichgeschaltete Aktion zum 150-jährigen Bestehen des Pioniereinzugs in SLC. Hier wurde ein "Brand" inkl. Logo entwickelt, welches dann über die Presse nach außen getragen wurde. Mit der Würdigung der Besiedelung des Westens werden positive Aspekte der Kirchengeschichte hervorgehoben. Wenn man diese Prinzip weiterverfolgt kann man sich ausmalen wie sich die Geschichte der Kirche weiterentwickeln wird. Je älter die Kirche wird, desto stärker werden positive Errungenschaften auch von außen als positiv gewertet (wer redet heute noch über die Inquisitionszeit der katholischen Kirche?). Ein anderes Beispiel für das nicht in das positive Mormonen-Bild passende Schema, ist die Änderung des Tempel-Rituals. Da die Tempel-Riten sich nicht mehr geheim halten ließen, hat man einfach kulthaft und beängstigend anmutende Dinge aus dem Konzept herausgenommen. Die Welt wird Änderungen zum "Positiven" akzeptieren, weiß jedoch nicht, daß hier ein angeblich ewiges Konzept einfach mal so ausgehebelt wird. Verargumentiert werden solche Aktionen mit dem Glauben an fortlaufende Offenbarungen.

Kritische Literatur/Intellektuelle

Die Kirche rät seit vielen Jahren ab von kritischer Mormonen-Literatur. Sie begründet es damit, daß man Weisheit nur aus besten Büchern erhalten kann. Alles andere soll gemieden werden. Ich komme aus einem Land in dem Bücher einmal verbrannt wurden und hatte mit diesem Prinzip immer ein Problem. Eine Kirche, die nichts zu verbergen hat, sollte sich nicht um ein paar kritische Authoren Sorgen machen müssen. In den letzten Jahren wurden massenhaft ungefährliche Intellektuelle ausgeschlossen, weil sie zu Themen wie "der Heilige Geist", "die Adam/Gott-Theorie von Brigham Young", "das Priestertum", oder die "Hierarchie in der Kirche" Thesen anstellten, die sie dann veröffentlichten. Einige davon glauben bis heute, daß die Kirche wahr ist - können jedoch nicht wieder zurück in die Kirche, falls sie nicht von ihren Thesen abrücken. Natürlich kommen ähnliche Fälle auch in großen Kirchen vor - trotzdem ist dies für mich unverständlich.
Interessanterweise haben die sogenannten Anti-Mormonen es geschafft, daß die Kirchenhistoriker und Organisationen, wie FARMS sich viel mehr Mühe beim Recherchieren von Geschichte geben, als früher. Natürlich gibt es unter den Kritikern Unterschiede wie Tag und Nacht, einige haben sich ein schönes Business auf Kosten von Suchenden aufgebaut und sogar Kirchen gegründet. Jedoch haben sich in den letzten Jahren zuverlässige Quellen zur Recherche herauskristallisiert, die ganz ohen Hetze auskommen und nur Aufklärungsarbeit leisten. Der Stehbildfilm "Das alte Amerika spricht" soll seit einigen Jahren nicht mehr gezeigt werden, weil die achäologischen Beweise einfach lächerlich sind. Ich weiß, daß mein ehemaliger oberster Chef Millionen in die FARMS-Projekte investiert, die bisher jedoch erheblich mehr Mißerfolge als Erfolge zu verzeichnen haben. Oder denkt jemand, die erste Präsidentschaft würde nicht gerne einmal ein paar wirklich gute Beweise der Presse präsentieren - ich denke hier nur an die gefälschten Hoffmann-Briefe, die Gordon B. Hinckley damals der Presse stolz als authentisch zeigte (GBH=Seher u. Offenbarer). Übrigens halfen Jerald und Sandra Tanner (sie begannen 1959 erste kritische Literatur zu schreiben) damals der Polizei den ganzen Spuk aufzudecken, leider mußten damals zwei Menschen ihr Leben lassen.

Finanzen der Kirche

Als ich auf Mission erfuhr, daß die Kirche Ihr Finanzen nicht offenlegt, war ich ziemlich geschockt, denn das passte nicht zu dem Bild, welches ich von der Kirche hatte. Ich hätte damals nicht gedacht, daß die Kirche daraus ein Geheimnis macht. Die Aussage einer Generalauthorität, daß die Forderung der Offenlegung Forderungen nur Ungläubige stellen, empfand ich als unpassend. Die Kirche gibt Schätzungsweise nur 0,5-3% des jährlichen Gesamt-Einkommens für humanitäre Zwecke aus.

Historische Probleme

Hier gibt es eine Vielzahl von Unklarheiten, auf die ich aber nicht näher eingehen will, da hierzu schon vielerlei Abhandlungen im Internet abzurufen sind.

Sicherlich muß man hier die Lebensgeschichte Joseph Smiths hervorheben (erwiesenes polygamisches Verhalten vor der angeblichen Offenbarung - inkl. Ehebruch, Tempelritual/Freimaurertum, 3 verschiedene Versionen der 1.Vision, der angebliche Martyrertod, der wahre Inhalt der Papyri zum Buch Abraham, das Mountain Medow Massacre, der "Hoffmann-Fall" ...). Problematisch ist besonders die Darstellung der Geschichte, so wie sie heute die Kirche präsentiert. Zweifelhafte Aussagen von ehemaligen Propheten werden unter den Teppich gekehrt. Generell wird versucht alles in einem sauberen Kontext darzustellen, dabei gehen wichtige Wahrheiten verloren. Ein Studieren der Kirchengeschichte kann helfen, sich vorzustellen, wie eine Kirche sich mit einem charismatischem Führer unter Halbwahrheiten und Lügen erfolgreich entwickelt. Ich habe mich mit vielen dieser historischen Probleme eingängig beschäftigt und kann auch hierzu bei Bedarf mit Quellenmaterial dienen. Jedenfalls ist eine Kirchengeschichte voller Änderungen, Lügen und Halbwahrheiten nicht unbedingt vertrauenserweckend.

Das Buch Mormon

Das Buch Mormon ist ein beachtliches Buch mit einer enormen Text-Quantität- und Qualität. Man muß jedoch bedenken, daß Amerika und sein Ursprung in den USA ein populäres Thema war. Mit dem Buch Mormon wurde ein Thema aufgegriffen, wie es im 19. Jahrhundert heiß diskutiert wurde. Amerika versuchte seinen Ursprung zu finden (Revival). In dieser Zeit vertraten in der gegend von NY 40-50 Wissenschaftler und Autoren die Meinung, daß die Indianer von den Israeliten abstammten (ein Gentest bestätigte übrigens die asiatische Abstammung). Ein Buch geschrieben in den 30er Jahren von einem Siebziger und Verteidiger der Kirche (B.H. Roberts), wurde erst vor kurzem veröffentlicht. Es handelt sich um eine Studie zu dem Buch "View of the Hebrews" von Ethan Smith. Hier ergeben sich viele, extreme inhaltliche Parallelen zum Buch Mormon. Außerdem hat Oliver Cowdery in der Stadt gelebt, wo es geschrieben wurde. Das Buch war Joseph Smith zugänglich. Ich hatte immer Probleme damit, daß Jesus teilweise bis auf das Wort genau den Nephiten die Bergpredigt gehalten hat, außerdem störten mich immer die 30 Jesaja-Kapitel aus der King James Bibel. Die Rechtfertigungen des Historikers Hugh Nibleys und anderen überzeugen mich nur bedingt. Jedenfalls hat B.H. Roberts sehr eng mit der ersten Präsidentschaft und den Aposteln zusammengearbeitet und war letztendlich enttäuscht über die nicht zu verargumentierenden Parallelen zu dem Buch "View of the Hebrews", die als Vorlage zum Buch Mormon gedient haben könnten. Ich persönlich denke, dass B. H. Roberts damals seinen Glauben verloren hat, weil die Beweislast zuerdrückend war, dies kann man zwischen den Zeilen lesen. Wie viele Mormonen, blieb er ein "kultureller Mormone", der die mormonische Lebensweise liebte und sie deshalb nicht aufgab.

Ezra Taft Benson und die Kirchenkommunikation nach außen

Als Ezra Taft Benson, Prophet der Kirche war, wurde er mit zunehmenden Alter sehr krank. An den Generalkonferenzen konnte er die letzten 4 Jahre vor seinem Tode nicht teilnehmen. Natürlich dachte ich damals: "schade, daß der Prophet nicht mehr spricht". Das Bedenkliche an der Sache war aber nicht, daß er krank war und gepflegt werden musste. Das Problem war, daß seine beiden Ratgeber und die offiziellen Stellen der Kirche den Propheten immer so darstellten, als würde der Prophet noch alle wichtigen Arbeiten verrichten. Es wurden Fotos gemacht, die beruhigend auf die Mitglieder wirken sollten, in diesem Stadium musste er jedoch schon gefüttert werden und war nicht mehr er selbst. Auf mich wirkte das Ganze wie eine Inszenierung, ich denke hier an ein Bild auf seiner Terrasse, man konnte ihm ansehen, daß er nicht mehr er selbst war. Sein Enkelsohn Steve Benson (bekannter Cartoonist des Arizona Republic) hat hierzu einige interessante Kommentare verfasst.
Übrigens hat Ezra T. Benson schon als Apostel in seinem Kampf gegen den Kommunismus eine rechtsradikale Organisation unterstützt, und deren Lehren in Ansprachen verbreitet. Erst als Präsident der Kirche hat er aufgehört in Versammlungen über seine obskuren, politischen Verschwörungstheorien zu predigen.

Zukunft der Kirche

Die Wertesysteme in der Welt verfallen langsam aber sicher, ob die Menschen es alleine schaffen, Abhilfe zu schaffen ist fraglich. Diese Entwicklungen können erst viele Jahre später unter einem historischen Gesichtspunkt bewertet werden. Vor diesem Hintergrund hat die Kirche gute Chancen weiter zu wachsen, denn sie beschreibt einfache Erretungsmöglichkeiten und Sinngebung. Außerdem setzt sie moderne Marketingstrategien ein. Die Wachstumsrate stagniert, je höher der Bildungsgrad des Landes sich darstellt. Auf die Dauer wird sie ähnliche Probleme bekommen, wie die Großkirchen sie schon lange haben. Die Mormonen-Kirche muß aufpassen, daß sie hält, was sie verspricht, sie muß sich offiziell genau so tugendhaft verhalten, wie sie es von Ihren Mitgliedern erwartet. Sie sollte es schaffen, die Inaktivitätsraten zu senken, so liegt die Inaktivitätsrate in wachstumsstarken Regionen (Guatemala) bei bis zu 78%. In Europa liegt nach meiner Einschätzung und anderen Quellen die Inaktivität bei 50-75%. Vor Kurzem erst sprach der Prophet von der weltweit größten Frauenorganisation der Welt mit 4 Mio. Mitgliedern. Diese Zahl ist natürlich ein Trugbild aufgrund der hohen Inaktiviät. Außerdem hat eine Frau kaum die Wahl in diese "Frauenorganisation" einzutreten, denn sie nimmt automatisch teil, solange sie in die Kirche geht und ihr 18tes Lebensjahr erreicht hat.

Die Informationsgesellschaft wird die Kirche dazu zwingen noch mehr zu verschleiern oder offensiv im mainstream zu reagieren. Die Kirche hat eine Eigendynamik entwickelt, die sich kaum aufhalten läßt. Es wird immer Menschen geben, die in das Schema der Mormonen passen. Genauso wie viele andere Glaubensgemeinschaften immer wieder Anhänger finden werden. Das Missionssystem der Kirche ist beispiellos und wird dazu weiter beitragen. Die Mormon Corp. verdient noch zu viel an ihren Mitgliedern, um mittelfristig aufgeben zu müssen. Durch das Prinzip der fortlaufenden Offenbarung ist ebenso gesichert, dass es zu keinen größeren theologischen Problemen kommt, denn bei strittigen Themen wird einfach "neu offenbart".

Teil 3: Einige Auszüge aus Hugo Stamms Buch "Sekten"

Hugo Stamms Buch hat mich in meiner Meinung zu Glaubenssystemen bestätigt und gab mir wichtige Einsichten. Zugegebenermaßen wird in diesem Buch hauptsächlich über radikale Sekten gesprochen, jedoch fand ich nicht unerhebliche Parallelen zur Mormonenkirche.

Auszüge:


Indoktrination
"... Das zentrale Merkmal vereinnahmender Gruppen und Sekten ist die Indoktrination, mit der die Anhänger in eine vielschichtige Abhängigkeit geführt werden. Die Kultgründer verfolgen das Ziel, die Mitglieder zu unterwerfen und sie für die totalitären Bedürfnisse der Gruppe verfügbar zu machen. Mit gezielter Psychomanipulation wollen die Kaderleute auf subtile Weise die Bewußtseinskontrolle erreichen. Die Gruppenmitglieder sind gezwungen, eine neue Identität anzunehmen, sich selbst aufzugeben und sich der Bewegung unterzuordnen. Ideologie und Heilslehre sollen das Eigenständige Denken und Handeln behindern und langfristig ersetzen. Als Belohnung für die geistige Mutation verspricht die Sekte den Anhängern das heil und die Zugehörigkeit zu einer auserwählten Elite. Kultmitglieder opfern die Unabhängigkeit, um sich in den Dienst einer höheren Mission zu stellen und vermeintlich einen tieferen Lebenssinn zu finden. Dabei bleibt ihnen verborgen, daß sie manipuliert und zum willenlosen Werkzeug der Gruppe werden. ..."

Angst und Schuldgefühle als Indoktrinationsmittel "...
Wichtige Instrumente der Indoktrination sind Angst und Schuldgefühle, mit denen praktisch alle totalitären Gruppen arbeiten. Sie pflanzen ihren Anhängern auf schwer durchschaubare Weise diese lähmenden Gefühle ein. Dabei kaschieren Sekten und Kulte die Disziplinierungsmaßnahmen als Erlösungsritual. Häufig wird die falsch verstandene Demut, die zur Selbstaufgabe führen kann, als unabdingbare Funktion der religiösen oder spirituellen Läuterung gepriesen.
Viele Gruppen mit vereinnahmender Tendenz operieren auf zwei Ebenen mit Schuldgefühlen und Ängsten. Die wirksamere liegt im ideologischen Bereich. Die Gruppen schrauben die Anforderungen, die die Heilstheorie stellt, derart hoch, daß sie die menschlichen Möglichkeiten übersteigen. Wer nach den Erfordernissen der Ideologie und der Sekte leben will, ist zwangsläufig zum Scheitern verurteilt. Er lebt nicht nur in der ständigen Angst, die Rituale nicht in der angestrebten Perfektion auszuüben, sondern gleichzeitig das Heilsziel, also die religiöse oder mystische Erlösung, nicht erreichen zu können und für alle Zeiten verdammt zu bleiben. Dieser endlose Widerspruch löst bei vielen Gruppenmitgliedern traumatische Ängste aus, die sie zu weiteren Sonderleistungen anstacheln. Das Streben nach dem unerreichbaren Ziel wird zum fatalen Teufelskreis. Mit Hilfe der Indoktrination vernebeln die Sekten das Bewußtsein ihrer Anhänger und verhindern damit, daß sie dieses mystische Phantom erkennen. ..."

Jede Gruppe hat ihr eigenes Indoktrinationssystem
Das Kontroll- und Abhängigkeitssystem ist derart fein gewoben, daß nicht nur die Leitfiguren oder Gründer bedingungslos als unantastbare Autorität akzeptiert werden, sondern die Anhänger sich auch gegenseitig überwachen. Somit helfen sie unbewußt aber wirkungsvoll mit, die Machtstrukturen zu perfektionieren und das Abhängigkeitssystem zu zementieren. ... Geborgenheit und Zuneigung werden zu Funktionen der Heilslehre und Gruppenziele und haben nichts mit Liebe an sich zu tun. In den Genuß von Zuwendung kommt nur, wer sich gruppenkonform und linientreu verhält. ... Die gegenseitige Kontrolle wird als Dienst an den anderen Gruppenanhängern und als wichtiger Akt des Kollektivs empfunden. Den Mitgliedern wird eingeredet, sie müßten sich gegenseitig vor falschen oder schädlichen Gefühlen, Gedanken und Heilsvorstellungen bewahren und einander auf dem Weg zum mystischen oder religiösen Glück begleiten. Die Indoktrination wird somit als wohltätiger Akt im Dienst des einzelnen und der Gruppe getarnt. Die Anhänger schaufeln sich förmlich die eigene Falle. ...

Sektiererischer Eifer führt in die Sucht
"... Bei den meisten totalitären Bewegungen ist die Ideologie oder Heilslehre das primäre Suchtelement. Die Heilsvorstellungen wecken Erwartungen, die auch nach jahrelangem Engagement in der Gruppe und unendlicher Wiederholung der vermeintlichen Heilsrituale nicht erfüllt werden. Die Diskrepanz zwischen den übertriebenen Hoffnungen und der Sektenrealität führt häufig in die Sucht. ... Andererseits hängt die Erleuchtung von der Gruppenidentifikation, vom Glauben an die Heilsversprechen und von der Hingabe bei den Ritualen ab: Wer am häufigsten betet, wer am längsten und intensivsten meditiert, wer sich bedingungslos dem Meister hingibt und am meisten Kurse absolviert, hat angeblich die größte Chance, das Heil zu erlangen.
Doch diese Ziele sind nicht erreichbar und verstärken die Sehnsucht nach Erlösung laufend. Die Gruppenanhänger jagen einem Phantom hinterher, daß sich immer zu verflüchtigen scheint. Sie suchen die Ursache bei sich und strengen sich noch mehr an. Dabei liefern sie sich erst recht der Gruppe aus, entfremden sich weiter, verlieren das Selbstvertrauen und konzentrieren ihre Hoffnungen noch stärker auf Heilserlebnisse. Dieser Teufelskreis fördert die psychische Abhängigkeit und die Suchttendenz. Statt Erlösung und Beruhigung verursacht die Suche nach dem Heil nur Streß und Angst. ... Statt die Heilslehre als fatale Fiktion zu entlarven, verrennen sie sich erst recht in die Scheinwelt. Angetrieben von den euphorischen Heilserlebnissen bei der Initiation und verstärkt durch durch die Indoktrination, ergreifen sie die Flucht nach vorn. Die künstlich erzeugte Gruppenathmosphäre weckt in ihnen die Überzeugung, daß die andern Mitglieder erfolgreich auf dem Pfad zum Heil wandeln und nur sie die religiösen Ziele verfehlen. Sie steigern die Sehnsucht ins unermeßliche und werden süchtig nach Heil und den Heilserlebnissen. Dieser Prozess löst wahrscheinlich endorphine Reaktionen im Hirn aus, wie Neurologen vermuten: Die durch die Rituale hervorgerufenen Muster erzeugen chemische Reaktionen, die Suchtprozesse auslösen."

Auch die Rituale fördern Suchttendenzen
Die Rituale können jedoch auch unabhängig von der Heilserwartung ein Suchtverhalten beweirken. Sie erzeugen in der Regel ein momentanes Hochgefühl und vermitteln den Gruppenmitgliedern scheinbar eine Ahnung von Heilszielen. Diese glauben, daß sich die euphorischen Momente summieren und mit der Zeit einen anhaltenden Zustand des Glücksempfindens bewirken. Deshalb sehnen sie sich bei den Ritualen nach neuen Erkenntnissen oder Erleuchtungsvisionen, die sie in die beglückende Scheinwelt katapultieren. Die "Ausnüchterung" und die entsprechende harte Landung in der Realität wecken das Bedürfnis nach einem neuen "Kick", der sie wieder in die heile Sektenwelt entführt.

Bei den Sekten, die sich auf die Bibel stützen und in ausgeprägtem Maße mit dem Indoktrinationsmittel von Schuld, Sühne und Vergebung arbeiten, hat sich eine eigene Form der Suchtdynamik entwickelt. Dies trifft teilweise auch auf die zeugen Jehovas und evangelikale Bewegungen zu. Die Prediger untergraben mit der andauernden Beschwörung der Sünde das Selbstwertgefühl ihrer Gläubigen. Voraussetzung für die Erlösung ist, täglich die Sünden zu bekennen und Gott um Vergebung zu bitten. Dieses selbsterniedrigende Ritual frißt sich unheilvoll ins Unbewußte und bewirkt ein Grundgefühl des Ungenügens und Versagens. Ein solcher Gemütszustand richtet den Mensch mit der Zeit seelisch zu Grunde, weshalb er sich krampfhaft nach Erlösung von diesen permanenten Demütigungen sehnt. ..."

Mission fördert die Identifikation
Besonders effizient wirkt die Indoktrination beim Missionieren. Viele Gruppen binden ihre neuen Anhänger deshalb schon früh in die Werbe- und Expansionstätigkeiten ein. Wer andere Leute von einer Idee oder Heilslehre überzeugen will, muß die Denkkategorien und Ideen des Kultes übernehmen und beginnt sich nach kurzer Zeit mit dem Inhalt seiner Botschaft zu identifizieren.

Hugo Stamms Checkliste zur Sektenidentifikation
Die folgenden Punkte werden im Buch viel detalierter erklärt, ich zitiere hier nur die Überschriften. Anhand der Anzahl der zutreffenden Punkte kann man die Gefährlichkeit einer Gemeinschaft erkennen. Ich kommentiere die Punkte hier in Bezug auf die Mormonenkirche nur kurz:

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