Erfahrungsbericht 4

Ich habe die Kirche 1958 verlassen, als ich 25 Jahre alt war.

Das ist lange her. David O. McKay war damals Prophet, Seher und Offenbarer. Es gab nur acht Tempel, und keiner davon hatte einen Filmprojektor. Jede Gemeinde hatte ihr eigenes Gemeindehaus, die Sonntagschule begann um 10:30 Uhr und die Abendmahlsversammlung um 19:00 Uhr. Es gab keine Schwarzen in der Kirche (zumindest konnte man keine sehen). Garments kamen noch in einem Stück. Die Endowmentzeremonie im Tempel beinhaltete noch die Todesstrafen, den Prediger, die fünf Punkte der Bruderschaft. Die Papyrusrollen des Buches Abraham waren noch verschwunden. Neue Missionare lernten die Sprache des ihnen zugewiesenen Landes, indem sie dort zwei Wochen eher ankamen.

Warum sollte ich mich nach all diesen Jahren noch mit dem Mormonismus beschäftigen? Warum habe ich noch nicht mit diesem weit in meiner Vergangenheit liegenden Punkt abgeschlossen und ihn abgehakt?

Dafür gibt es mehrere Gründe:

Erstens stamme ich aus einer langen Serie glaubenstreuer Mormonen. Alle meine Vorfahren in jedem Zweig meiner Familie waren seit vier, fünf, sechs Generationen Mormonen. Die Mormonen und ihre Geschichte sind meine Abstammung. Sie sind meine einzige Abstammung. Von da komme ich her. Meine mormonischen Vorfahren waren weder groß noch berühmt, aber ich habe ihre Geschichte gelesen, sie waren gute Menschen. Sie waren treu, haben hart gearbeitet und verdienen meinen Respekt. Meine Familiengeschichte ist untrennbar mit der Mormonengeschichte verknüpft, ihrer Auswanderung nach Utah, ihrer Niederlassung in den Bergen des Westens. Ich kann den Mormonismus und die Mormonengeschichte nicht ignorieren, ohne dabei meine eigene Vergangenheit zu vergessen.

Zweitens, meine Familie sind noch immer glaubenstreue Mormonen, fast alle, einschließlich meiner Eltern, meiner Brüder und Schwestern, meinen älteren Kindern, meinen Enkeln, meinen Nichten und Neffen. Ihre Leben sind vom mormonischen Glauben durchsetzt. Ihr alltägliches Leben ist verknüpft mit den Aktivitäten der inanspruchnehmenden Kirche, alle ihre Freunde sind Mormonen, ihre Hoffnungen und Ängste sind die Hoffnungen und Ängste von Mormonen. Ich kann den Mormonismus nicht ignorieren, ohne die Leben derer zu ignorieren, die ich liebe.

Drittens wird die Mormonenkirche in unserer Gesellschaft immer bekannter und mächtiger. In meinem Bundesstaat (der im Gegensatz zu Utah nicht als ’Mormonenstaat‘ gehandelt wird) ist sie heute die zweitgrößte Religionsrichtung. Unser derzeitiger US-Senator ist ein hingebungsvoller Mormone. Mormonen begleiten einflußreiche Ämter in unseren Staats- und Bundesregierungen in weit größerer Relation als ihrem Anteil an der Bevölkerung der Vereinigten Staaten entspricht. Die Kirche ist eine hyper-reiche finanzielle Unternehmung geworden, mit milliardenschweren ertragorientierten Unternehmen und Besitztümern im ganzen Land – ein Umstand, der den meisten Nichtmormonen unbekannt ist – mit weitreichendem (und meist unsichtbarem) Einfluß auf viele Aspekte des amerikanischen Lebens. Ihre Einnahmen wurden verläßlich auf einige Millionen Dollar am Tag geschätzt, nicht nur aus ihren tausenden Unternehmen, sondern auch von ihren treuen Mitgliedern, von denen erwartet wird, daß sie mindestens zehn Prozent ihres gesamten Einkommens der Kirche spenden.

Die Mormonenkirche brüstet sich ob ihres schnellen Wachstums. Zusätzlich zu ihrem Standpunkt für große Familien wird dieses Wachstum durch eine Schar freiwilliger Vollzeitmissionare bewerkstelligt, die einen gut trainierten und gründlich indoktrinierten Außendienst darstellen, dessen einzige Aufgabe es ist, mehr Menschen in die Kirche zu bringen. Sein Ziel ist es nicht zu bekehren sondern einzugliedern, nicht Leben zu bereichern sondern zu taufen, nicht sündige Seelen zu erretten sondern die Mitgliedslisten zu vergrößern. Der missionarische Außendienst wird nicht von fürsorglichen Geistlichen, sondern von erfolgreichen Geschäftsleuten angeleitet, denn die mormonischen Missionierungsanstrengungen sind ein Geschäft, ein sehr erfolgreiches Geschäft sogar, wenn gemessen nach Geschäftsmaßstäben.

Das letztliche Ziel der Kirche, wie es von ihren frühen Führern Joseph Smith und Brigham Young öffentlich formuliert wurde (von den späteren Mormonenführern aber nicht mehr so öffentlich bekundet wurde), ist es, ein mormonisches Königreich in Amerika zu errichten und die Welt als Gottes erwählte Vertreter zu beherrschen. Die Kirche beeinflußt weltliche Ansichten bereits, wie vor nicht allzu langer Zeit bewiesen wurde, als die Gesetzesvorlage zur Gleichberechtigung mit entschiedener Unterstützung durch die Mormonenkirche abgelehnt wurde.

Für mich ist die Vorstellung der Möglichkeit beängstigend, daß die Mormonenkirche einmal Amerika kontrollieren könnte.

Dies sind einige der wichtigstens Gründe, weshalb ich noch ein vitales Interesse am Mormonismus und an der HLT-Kirche habe.

Mormonen werden Dir erzählen, daß Mormonismus ein wunderbarer Weg im Leben ist, Glücklichkeit hervorbringt in dieser sterblichen Existenz und, falls wir es uns durch unseren Glauben und unseren Gehorsam erarbeiten, wahre Freude (und ’Macht und Herrlichkeit‘) in der nächsten. Die ihren Gläubigen gemachten Verheißungen und Hoffnungen sind sehr anziehend und inspirierend. Warum sollte ich dies dann verwerfen? Hier ist die Geschichte meiner eigenen persönlichen Reise durch den (und letztlich aus dem) Mormonismus.

Meine mormonische Kindheit war sehr glücklich, mit liebevollen und sorgenden Eltern und Familie. Wir waren etwas ’besonderes‘, denn wir hatten das ’Evangelium‘, d.h. den Mormonismus. In meiner kleinen Stadt im südlichen Idaho waren wir Mormonen leicht die dominierende soziale und politische Macht. Wir bedauerten die Unglücklichen, die, aus welchen Grund auch immer, nicht mit dem Evangelium gesegnet waren. Die Kirche stand im Mittelpunkt unseres ganzen Lebens. Wir hatten makellose Anwesenheitszahlen in allen unseren Versammlungen. Wir studierten unsere Leitfäden. Es war ein wunderbares Leben. Wunderbar, weil wir das Evangelium hatten, wofür wir Gott mehrmals täglich dankten, in jedem Gebet und jedem Segen, den wir über unsere Speisen aussprachen.

Wir mormonischen Jugendlichen nahmen natürlich an den Schulaktivitäten mit Nichtmitgliedern teil, aber wir hatten auch unsere eigenen kirchengeförderten Ereignisse, die genauso gut waren, oder besser. Wirklich gute junge Mormonen gingen nicht mit Nichtmormonen aus, wegen der Gefahr, es könnte sich ’etwas ernsthaftes‘ mit einem Nichtmormonen entwickeln, was zu einer tragischen ’gemischten Ehe‘ führen würde, die nicht im Tempel geschlossen werden könnte, woraus direkt der ewige Verlust der Möglichkeit erwachsen würde, den höchsten Grad des Himmels zu erreichen, das celestiale Reich. Keiner von uns wagte dieses Risiko.

Meine große Jugendliebe war also ein gutes und treues Mormonenmädel. Wir waren einander sehr hingebungsvoll, ohne irgendwelche unmoralischen physischen Aktivitäten außer langen Küssen und Umarmungen (ohne Berührung von Haut oder irgendwelchen Gebieten unterhalb der Taille oder um ihre Brüste usw.) zu versuchen. Als sie das Abitur beendet hatte und ich im dritten Studienjahr an der Brigham Young Universität war, heirateten wir zwei jungfräulich in einer wunderbaren Zeremonie im Idaho Falls Tempel, und begannen, Kinder zu bekommen. Wir waren das perfekte junge Mormonenpaar.

Ich genoß meine vier Jahre an der BYU, wo ich von überzeugten Kommilitonen umgeben und von überzeugten und gebildeten Lehrern gelehrt wurde. Ein Geologieprofessor war ebenfalls Mitglied unserer Gemeinde. Ich lernte gerade über das Alter der Erde, wie es die meisten Geologen lehren. Eines Sonntags fragte ich ihn in der Kirche, wie er die Lehren seiner Wissenschaft mit den Lehren der Kirche (wonach die Erde vor etwa 6 000 Jahren erschaffen wurde) in Übereinklang bringt. Er erwiderte, er habe zwei Schubladen in seinem Kopf: eine für Geologie und eine für das Evangelium. Sie waren vollständig getrennt, und er ließ die eine nicht die andere beeinflussen. Das störte mich, aber ich dachte nicht weiter darüber nach.

Nach meiner Graduierung von der Brigham Young Universität wurde mir ein Stipendium von der Northwestern University angeboten, um an meinem Abschluß als Master zu arbeiten. Also zogen meine junge Frau und ich mit unseren damals zwei Babies nach Evanston, Illinois, und zum ersten Mal in meinem Leben war ich von Nichtmormonen umgeben. Ich war der einzige Mormone in meinem Studiengang. Das bedrückte mich kein bißchen. Ich fühlte, daß ich intelligent genug war, ausreichend über Religion wußte und sehr gewandt im Debattieren war (in der Schule war ich darin der Beste), um meine Religion mit irgend jemandem zu diskutieren, sie zu verteidigen und sie hervorzutun. Bald schon fand ich Gesprächspartner. Da es kein Geheimnis war, daß ich von BYU graduierte, stellten viele meiner Kommilitonen Fragen über den Mormonismus. Es waren freundliche Fragen, aber anspruchsvolle. Zum ersten Mal hatte ich in meinem Leben die Gelegenheit, das Evangelium zu verkünden. Es war begeisternd. Wir hatten einige wunderbare Diskussionen. Sogar meine Professoren waren bereit zuzuhören, und so unterrichtete ich meinen Sprachprofessor über das Deseret Alphabet und meinen Professor für deutsche Literatur über die Ähnlichkeiten von Goethes Weltbild und dem von Joseph Smith.

Einige meiner Kommilitonen hatten allerdings Traktate und andere Literatur über die Mormonen, die sie von ihren eigenen Kirchen erhalten hatten. Sie stellten mir Fragen, die ich nur unbefriedigend beantworten konnte, denn sie basierten auf Fakten, mit denen ich nicht vertraut war. Ich hatte niemals etwas über die Banden der Daniter, die Lehre von der Blutsühne oder die Adam-Gott-Doktrin gehört. Wo kamen diese furchtbaren Behauptungen nur her?

Mir wurde klar, daß ich wissen mußte, was die Feinde des Mormonismus über ihn sagen, damit ich mit den entsprechenden Fakten vorbereitet war, um ihn zu verteidigen. Ich war nie ein fleißiger Student der Kirchengeschichte, obwohl ich die besten Noten im Kurs ’Geschichte der Kirche‘ im Seminarunterricht in meinen dritten Jahr am Gymnasium bekam. Ich meine, was gab es da schon wichtiges über die Kirchengeschichte zu wissen, außer der Geschichte, wie Joseph seine Visionen hatte, die Platten bekam, sie übersetzte, und wie Satan die Heiligen verfolgte, bis sie nach Utah kamen? Ich war mehr an der Lehre interessiert: die Wahrheit, wie von den Propheten gelehrt. Die Wahrheit, ewig und unabänderlich.

Aber nun begann ich, Kirchengeschichte zu lesen, beides, die authentische Geschichte, die von der Kirche herausgegeben ist, und die furchtbaren Lügen und Verdrehungen, die ihre Feinde publizierten. Wie unterschiedlich sie waren! Es war fast so, als ob die Autoren der beiden Seiten über unterschiedliche Ereignisse schrieben. Und die Universitätsbibliothek, in der ich einen guten Teil meiner Zeit verbrachte, schien mehr vom letzteren als vom ersteren zu haben.

Nach einem Jahr erhielt ich meinen Abschluß als Master in Deutsch und nahm ein Lehramt in Ogden, Utah, an. Wir kehrten nach Zion zurück und bekamen unser drittes Kind.

In Ogden kam ich zum ersten Mal mit den Schriften mormonischer Fundamentalisten in Berührung, die glauben, daß Joseph Smith und Brigham Young wahre Propheten waren, aber daß sich die Kirche seither – besonders seit der Abschaffung der Ausübung der Polygamie – im Abfall befindet. Zu dieser Zeit studierte ich die Lehre und Geschichte der Kirche besonders intensiv, und es schien, daß die Fundamentalisten über viele Informationen verfügten, die anderweitig nicht erhältlich waren. Zum Beispiel verließen sie sich sehr stark auf Journal of Discourses, ein mehrbändiges Werk, das praktisch alle von Kirchenführern in den ersten dreißig oder vierzig Jahren nach der Einwanderung in Utah gehaltenen Reden enthält. Vor vielen Jahren, so lernte ich, hatte jedes Mitglied eine Ausgabe dieses Werkes. Aber dann beschlossen die Kirchenführer, daß es für die Mitglieder nicht mehr notwendig sei, es zu haben, und zogen alle Ausgaben ein. Es wurde zur Rarität. Warum? Jedes anti-mormonische Werk, das ich gelesen habe, berief sich auf Zitate aus den Ansprachen im Journal of Discourses. Aber die heutigen Kircheführer beziehen sich fast nie darauf. Warum? Es störte mich, aber ich legte den Gedanken beiseite.

Während ich in Ogden lebte brachte ein fundamentalistischer Verlag einen Nachdruck des gesamten Journal of Discourses heraus, im Harteinband, für $250. Wäre ich nicht ein armer Schullehrer gewesen, hätte ich es gekauft, denn es drängte mich, die weisen Worte der zeitigen Führer zu lesen. Aber die Frage, warum dieses Werk von der Kirche unterdrückt wurde, wurmte mich dennoch. Ich legte den Gedanken beiseite.

Eine von mir in einem anti-mormonischen Werk gelesene Beschuldigung war, daß Brigham Young gelehrt hat, daß ihm Gott enthüllte, daß Adam in Wirklichkeit Gott Vater war. Um dies zu untermauern, zitierten sie aus Brighams Reden im Journal of Discourses. Wenn ich es nur selbst überprüfen könnte! Ich wurde an einen merkwürdigen Kommentar von Sidney B. Sperry erinnert, BYU-Professor und Autorität für Buch Mormon und Bibel Studien. Ich nahm eine Vorlesung über das Buch Mormon bei ihm, ich bewunderte ihn sehr. Eines Tages sagte er zu einer kleinen Gruppe Studenten, die nach der Vorlesung noch geblieben waren: „Ich denke, wenn ihr in das celestiale Reich kommt, werdet ihr überaus überrascht sein herauszufinden, wer Gott wirklich ist!“ Wow! Das hieß, daß Dr. Sperry ein Geheimnis kannte, das nicht viele Menschen kannten, daß wir Studenten nicht wirklich alles darüber wissen, was man darüber wissen konnte; daß die Propheten nicht alles gesagt haben. Was könnte dieses Geheimnis sein?

Als ich dies weiter untersuchte und die gleichen Worte aus Brigham Youngs Journal of Discourses Rede wieder und wieder fand, begann es mir zu dämmern: Adam war wirklich Gott!

Nachdem ich zwei Jahre an einem Gymnasium in Zion gelehrt hatte, bekam ich ein Stipendium angeboten, mein Studium in Baltimore fortzusetzen. Wir akzeptierten. Und wieder waren wir von Anderen umgeben, und wieder hatte ich eine umfangreiche Bibliothek zur Verfügung.

Einige Ereignisse in der Kirchengeschichte begannen mich wirklich zu stören. Warum war Zions Camp eine Pleite? Warum ging die Kirtland Bank bankrott? Diese beiden Unternehmungen wurden für das Wohl der Kirche durch Gottes Propheten organisiert, der verhieß, daß sie erfolgreich sein würden. Es war schwer, nicht zu dem Schluß zu kommen, daß Gott nicht viel tat, um die Geschicke seiner Kirche zu lenken. Und wie ich darüber dachte, konnte das gleiche gesagt werden über die Experimente in der Vereinigten Ordnung (aller Besitz gehört dem Volk), Vielehe, das Deseret Alphabet – alle Projekte begannen mit einer großen Verheißung, geführt durch Gottes erkorene Führer, und alle waren eine Niederlage oder wurden bald eingestellt. Es störte mich, aber ich legte den Gedanken beiseite.

Was mich anfing, am meisten zu stören, war, daß es schien, daß die Kirche nicht die ganze Wahrheit über viele Ereignisse in ihrer Vergangenheit erzählte. Die Beweise, die ich las, schienen keinen Zweifel daran zu lassen, daß die Kirche die kontrollierenden Banden, die Daniter oder Racheengel genannt werden, ermutigt, wenn nicht gar organisiert hat. Zu viele unabhängige Quellen aus erster Hand zeugten von ihren Aktivitäten. Zu dieser Zeit meiner Studien wurde die wahre Geschichte vom Mountain Meadow Massaker bekannt, eine Greueltat, die die offizielle Geschichte der Kirche den Indianern in die Schuhe schiebt, obwohl es klar wird, daß die Hauptschuld bei der Kirche liegt. Das Massaker selbst war schlimm genug, aber für mich war das nachfolgende Reinwaschen der Kirche schlimmer, was die göttliche Natur der Kirche betrifft. Es störte mich, aber ich legte den Gedanken beiseite.

Unter den Papieren meines Großvaters, der 1910 eine Mission in England diente, fand ich eine Anzahl von Traktaten und Handzetteln, die er auf seiner Mission benutzte. Eines war die Abschrift einer Debatte aus dem Jahre 1850 zwischen John Taylor (damals ein Apostel und in England auf Mission) und einem Methodistenprediger. Unter den in der Debatte diskutierten Themen war auch das Gerücht, gewöhnlich für diese Zeit, daß die Mormonen die Vielehe praktizierten. Taylor bestritt die Gerüchte energisch als eine bösartige Lüge, und bei seiner Ehre versicherte er fest, daß Mormonen gute Monogamisten sind. Zu dieser Zeit war Taylor selbst allerdings mit zwölf lebenden Frauen verheiratet. Alle führenden Männer in der Kirche hatten zu dieser Zeit mehrere Frauen. Wie konnte ein Prophet Gottes so unverhohlen lügen? Es störte mich, aber ich versuchte, den Gedanken beiseite zu legen.

Das Adam-Gott-Problem blieb weiterhin in meinen Gedanken. Letztlich beschloß ich zu versuchen, die Angelegenheit zu klären. Falls die Lehre wahr war, so war ich als treues Mitglied der Kirche willens, sie zu akzeptieren. Falls sie nicht wahr war, brauchte ich einige Erklärungen zum offensichtlichen Umstand, daß sie Brigham Young (und andere Kirchenführer der Zeit) so energisch lehrte. Daher setzte ich einen Brief an Joseph Fielding Smith auf, den ich sehr respektierte und der zu dieser Zeit der Kirchenhistoriker und Präsident des Rates der Zwölf Apostel war. Wenn er mir nur meinen Brief beantworten könnte! Ich breitete mein Dilemma vor Präsident Smith aus: die Beweise scheinen klar und unwiderlegbar zu sein, daß Brigham Young lehrte, daß Adam Gott der Vater ist. Aber die derzeitige Kirche lehrt dies nicht? Was ist die Wahrheit?

Insgeheim dachte ich (und hoffte vielleicht), daß Präsident Smith zurückschreiben und etwa sagen könnte: „Lieber Bruder, Deine Ausdauer und Dein Glauben in der Suche nach Wahrheit haben Dich zu einem wertvollen Geheimnis geführt, das nicht vielen bekannt ist; ja, Du kannst versichert sein, daß Präsident Young die Wahrheit lehrte: Adam ist unser Vater und unser Gott, und der einzige Gott, mit dem wir zu tun haben. Die Kirche verkündet diese kostbare Wahrheit nicht, weil sie nicht wünscht, die Geheimnisse Gottes dem Spott der Welt auszusetzen. Bewahre diese geheime Wahrheit, wie Du die Geheimnisse Deines Tempelendowments bewahrst.“

Ich erhielt eine kurze und klare Antwort auf meinen Brief von Präsident Smith. Sie war ganz anders, als was ich erwartet hatte. Er schrieb, daß eine solche Idee entgegen den Schriften und unwahr und vollständig falsch sei. Er ging nicht auf die Beweise ein, daß Brigham Young dies gelehrt hatte. Er ignorierte das ganze Problem, als ob es gar nicht existieren würde. Es störte mich, aber ich versuchte, die ganze Sache zu vergessen.

Zu dieser Zeit besuchte ich an der Universität eine Vorlesung über die Geschichte der Philosophie. Es war faszinierend. Ich hatte keine Ahnung, daß sich gewöhnliche menschliche Wesen derartige Gedanken zu einigen dieser Fragen machten. Es erschien mir, daß meine Religion vielerlei Antworten und Erklärungen hatte, aber sie gab diese Antworten, ohne wirklich klarzustellen, was die Fragen waren. Die Antworten, die meine Kirche gab, schienen eher fadenscheinig und oberflächlich zu sein, sich nicht mit den wirklichen Grundproblemen zu beschäftigen. Ich wurde in die Studien der Ethik eingeführt und war überrascht, das gleiche zu finden: meine Religion, die behauptete, die letztendliche und vollständige Antwort zu sein, war nicht einmal eine vorbereitende Einführung zu den großen ethischen Problemen, mit denen sich große Denker seit hunderten Jahren beschäftigten.

Wie dem auch war, ich blieb ein treues Mitglied der Kirche, erfüllte alle meine Aufgaben, besuchte die Versammlungen, befolgte das Wort der Weisheit und trug meine Tempelgarments. Aber ich tat mich sehr schwer, die Unbeständigkeiten, Lügen und die dubiose Vergangenheit der Kirche mit meinem Glauben an ihre Göttlichkeit in Übereinklang zu bringen.

Es war zu einem ganz bestimmten Moment eines Tages in der Universitätsbibliothek, als ich dieses Problem durchdachte. Plötzlich kam mir der Gedanke: „Alle diese Probleme verschwinden, sobald du erkennst, daß die Mormonenkirche einfach nur eine weitere Institution von Menschenhand ist. Dann ist alles ganz leicht erklärt.“ Es war wie eine Offenbarung. Die Last wich plötzlich von mir und ich wurde erfüllt mit einem Gefühl der Freude und Begeisterung. Natürlich! Warum habe ich das vorher nicht gesehen?

Ich eilte nach Hause, um die große Entdeckung, die ich gemacht hatte, mit meiner Frau zu teilen. Ich sagte ihr, was ich gelernt hatte: die Kirche ist nicht wahr!

Sie wandte sich ab und stampfte die Treppe hinauf. Sie akzeptierte nichts von dem, was ich an Kritischem über die Kirche sagte. Es war der Anfang vom Ende unserer Ehe.

Ich versuchte, meine Kirchenaufgaben fortzuführen, hauptsächlich als Gemeindeorganist. Aber ich fand es immer schwerer, in öffentlichen Ansprachen, Gebeten, oder in Klassendiskussionen überzeugend zu klingen. Im nächsten Sommer fuhr meine Frau mit den Kindern auf Besuch nach Utah, und ich fühlte, es war dumm von mir, weiterhin Tempelgarments zu tragen. Und warum sollte ich nicht eine Tasse Kaffee mit den anderen Studenten trinken, oder ein Glas Wein auf einer Party? Ich hatte in meinem ganzen Leben noch keinen Kaffee oder Wein gekostet, aber jetzt gab es keinen Grund mehr, dachte ich, mich diesen angenehmen Dingen zu enthalten. Das folgende Jahr war meine Ehe von friedlicher Koexistenz geprägt.

Meine Frau verließ mich plötzlich, ohne Vorwarnung, und sie nahm die Kinder mit. Ihre Freunde in der Kirche halfen ihr bei der Flucht, sie kehrte nach Zion zurück und reichte die Scheidung ein. Ein letzter Versöhnungsversuch scheiterte, als sie ihre Rückkehr von meinem Rückkehr zum Glauben abhängig machte. Mir war klar, daß ich das nicht tun konnte, ganz gleich, wie sehr ich meine Familie wiederhaben wollte. Natürlich bekam sie das Sorgerecht für die Kinder. Sie heiratete vier Jahre später, ihr neuer Mann war ein treuer Priestertumsträger, dessen Frau die Kirche verlassen hatte. (Welche Ironie, die Kirche, die solch hohen Wert auf die Familie legt, zerstört in Wirklichkeit, was sie angeblich so stark fördert!)

In all den Jahren, seit ich die Kirche verließ, habe ich diese Entscheidung keinen Moment lang bereut (abgesehen von dem Umstand, daß ich dadurch meine Frau und meine Kinder verlor). Nachfolgende Studien gaben mir hunderte Male so viel verdammende Informationen über die Kirche und ihre Geschichte, als ich zur Zeit meiner ursprünglichen Entscheidung hatte. Viele mormonische Freunde und Familienangehörige haben mich zu überzeugen versucht, daß ich einen Fehler gemacht habe, aber wenn ich darauf bestehe, daß auch sie sich anhören, was ich für Gründe für meinen Glauben an die Falschheit der Kirche habe, geben sie den Versuch bald auf, obwohl ich ihnen versichere, daß mein Geist offen ist für jederlei Beweis oder Schlußfolgerung, die ich übersehen haben mochte. Sie sind davon überzeugt, daß ich aufgrund von Sünde, mangelndem Glauben, Störrischkeit, Stolz, verletzten Gefühlen, mangelndem Wissen oder Verständnis, moralischer Verdorbenheit, Verlangen, Böses zu tun oder Vergnügen zu erleben die Kirche verlassen habe. Keiner dieser Gründe ist richtig. Ich ging aus einem Grund, und nur aus diesem einzigen Grund: die Mormonenkirche wird nicht von Gott geführt, und es war auch niemals so. Sie ist eine Religion mit 100% menschlicher Herkunft.

Meine Frau glaubte, nehme ich an, weil die Kirche mich lehrte, ein ehrlicher, liebender, treuer, aufopferungsvoller und guter Ehemann zu sein, würde mein Verlassen der Kirche bedeuten, daß ich bald das Gegenteil werde. Sie war sicher nicht allein in dem Glauben, daß ich bald ein fauler, gottloser und elender Penner werden würde, der zeitig an Syphilis oder Alkoholismus stirbt.

Mein Leben war seit dem Verlassen der Kirche jedoch ein reiches und lohnendes. Ich war erfolgreich in meinem Beruf. Ich heiratete ein liebes Mädchen mit ähnlichen Ansichten, wie ich sie habe, und wir haben heute zwei feine, erwachsenen Söhne, die wir ohne jede religiöse Ausbildung großgezogen haben, und die so großartige Menschen sind, wie man sich seine Kinder nur wünschen kann. Materiell geht es uns sehr gut (wahrscheinlich besser, als den meisten meiner Verwandten, die gute Mormonen sind), und unsere Leben sind auch in vielen anderen Hinsichten reich, reich an guten Freunden, an der Freude über die Schönheit in unserer Welt. Wir haben all den intellektuellen und geistigen Reichtum unserer menschlichen Abstammung untersucht und davon profitiert.

Und wie ich älter werde, bemerke ich auch, daß ich keine Angst vor dem Tod habe, auch wenn ich keine Ahnung habe, was mich erwartet, wenn es soweit ist. Diesbezüglich bin ich wohl anders als viele Mormonen, die schrecklich besorgt sind, ob sie auch ’standhaft‘ genug in ihrer Hingabe zur Kirche gewesen sind, um sich für das celestiale Reich zu qualifizieren. Und wiederum, welche Ironie, eine Kirche, die damit beginnt, ihren Mitgliedern solche Freude und Glücklichkeit zu verheißen, ruft in ihnen solche Sorge und Verzweiflung hervor!

Ich bin noch immer stolz auf meine mormonische Abstammung. Ich erfreue mich noch immer an genealogischer Arbeit (meine Unterlagen sind vollständiger als die der meisten meiner mormonischen Familienmitglieder). Ich mag noch immer die alten mitreißenden Mormonenhymnen spielen und singen. Ich habe immer einen guten Nahrungsvorrat im Haus. Und ich glaube noch immer an ewigen Fortschritt: die Dinge werden besser und besser.

PS.: Apostel Bruce R. McConkie gab zu, daß Brigham Young lehrte, daß Adam Gott war und daß die Kirche tatsächlich über ihre eigene Geschichte log. Er sagte, daß Brigham Young falsch lag, aber er ist ins celestiale Reich eingegangen; wenn Du aber glaubst, was Brigham Young darüber lehrte, wirst Du in der Hölle schmoren. Der Umstand, daß die Kirche diesem Geständnis noch etwas ’Gutes‘ abgewinnen kann, ist wirklich schwere Kost.

Richard Packham
Roseburg, Oregon


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