Erfahrungsbericht 2

Hallo, mein Name ist Michael Gregor Vogt. Ich bin froh, daß Du Interesse am Lesen meiner Geschichte hast, die eine Fülle von Gefühlen in meinem Leben umfaßt.

Solltest Du irgendeine Kirche untersuchen, sei bitte sehr vorsichtig, da es einige Organisationen gibt, die behaupten, die einzige Wahrheit zu haben, aber sie bieten nur Lug, Betrug, Mißdeutung und verdrehte Geschichtserfindungen.

Meine Geschichte beinhaltet die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, bekannt als Mormonen. Bevor ich fortfahre, verstehe bitte, daß ich weder Haß noch Verachtung für irgendein Mitglied der Mormonenkirche empfinde, allerdings hege ich etwas Groll gegen die in Führungspositionen, besonders diejenigen, die von sich behaupten, "besondere Zeugen für Christus" zu sein.

Als ich in Deutschland lebte (Fürth in Bayern) kamen die Mormonenmissionare zu uns nach Hause und präsentierten den wunderbarsten und bestausgeführtesten Plan, der alle Antworten auf Frieden, Erfolg und Glücklichkeit bot. Ich war gerade zwölf Jahre alt und wußte noch nicht viel vom Leben. Obwohl ihre Bekehrungstaktik ein wenig an die Belehrung zum Besseren erinnerte, schlossen wir uns der Kirche an und wurden in Nürnberg getauft. Ich kann mich nur vage erinnern, aktive Mitglieder gewesen zu sein, es schien nur, daß wir niemals richtig akzeptiert wurden, weil wir so arm waren; meine Mutter arbeitete, um für meinen Bruder und mich zu sorgen und manchmal konnten wir es aufgrund der Entfernung und der Geldknappheit einfach nicht in die Kirche schaffen.

Als wir 1964 in den Vereinigten Staaten ankamen, verloren wir das Interesse an der Mormonenreligion und für mich wurde sie erst wieder interessant, als ich aus der Armee entlassen wurde. In Vietnam traf ich einen Kameraden, der in Utah wohnte. Ich mochte ihn gern, er hatte eine gute Moral, er benahm sich sehr anständig, was mich sehr beeindruckte. 1971 entschloß ich mich, nach Utah zu ziehen, mich in der Kirche zu engagieren, ein gutes Mormonenmädel zu heiraten und eine Familie zu haben. Alles erschien so einfach, bis ich dort ankam.

Ich besuchte eine Gemeinde an der Brigham Young Universität in Provo, Utah, um von denen umgeben zu sein, die ich in hohem Ansehen hielt. Ich hatte die Absicht, ein neues Leben zu beginnen, die Vergangenheit hinter mir zu lassen und einfach neu anzufangen. Der Zweigpräsident wollte mich kennenlernen und ich war erwartungsvoll, ihn in seinem Büro zu treffen. Nachdem wir uns bekannt gemacht und ein wenig geplaudert hatten, sah er mich an, warf fünf Dollar auf den Tisch und sagte, ich solle zum Friseur gehen. Ich war mehr als verlegen, aber da ich keine Arbeit hatte, nahm ich sein Angebot an. Die darauffolgende Woche rief er mich in sein Büro, um zu sehen, ob ich mir auch wirklich die Haare habe schneiden lassen. Ich war über seine Feindseligkeit mir gegenüber sehr überrascht. Er zeigte mit seinem Finger direkt in mein Gesicht und fast schreiend sagte er, wenn ich jemals eines seiner Mädchen anfasse, würde er mich von der Kirche ausschließen. Warum sollte ein Mann Gottes so von mir denken? Was habe ich getan, daß er dachte, daß dies meine Absichten waren? Ich war nach Utah gekommen, um neu anzufangen, um rein zu werden, und nicht, um mich in ungebührlicher Weise zu verhalten. Ich verließ sein Büro verwirrt, betroffen und enttäuscht.

Ich wurde als Junior-Heimlehrer berufen und während ich tat, was ich für richtig hielt, bemerkte ich eine verblüffende Ähnlichkeit aus meinen Tagen in Deutschland, wo einen jeder zu beobachten schien. Das Hinterfragen, das Herausbekommen persönlicher Angelegenheiten, die fast schon verhörartigen Besuche ließen mich sehr unbehaglich fühlen. Mein Senior-Mitarbeiter, obwohl ein netter Kerl, hatte schon fast Gestapo-Qualitäten, und die wollte ich mir gar nicht erst aneignen. Jedes Detail wurde an die Präsidentschaft des Ältestenkollegiums in der Hoffnung auf eine gute Beurteilung gemeldet, besonders wenn Dinge von fraglicher Natur bekannt wurden. Ich wunderte mich darüber, aber weil ich so neu im mormonischen Leben war, hinterfragte ich es nicht.

Ich heiratete 1973 im Ogden-Tempel. Es war eine merkwürdige Zeremonie, weil niemand aus meiner Familie bei mir sein konnte. Ich wunderte mich, daß meine Familie trotz des Spruches "Familien sind für ewig" bei diesem höchst wichtigen Schritt in meinem Leben nicht wichtig genug war. Sie waren nicht "gut" genug, um daran teilzunehmen, aber ich heiratete dennoch dort. Für kurze Zeit wohnten wir in Provo, wo ich tiefer und tiefer in die mormonische Theologie eintauchte. Ich las nur Kirchenbücher, Seite für Seite ausschließlich Material, das die Kirche guthieß, ich stellte es nie in Frage, sondern sog alles in mich auf, was meine Augen erfaßten. Ich konnte stolz auf das erlangte Wissen sein. Meine Schwiegereltern waren beeindruckt, wie ich ihnen die Mysterien erläutern konnte, obwohl sie doch schon ihr Leben lang Mitglieder waren. Über die Jahre schien es, ich sei besessen davon, mir immer neues Wissen anzueignen. Meine Bibliothek an Kirchenbüchern war beeindruckend. Ich konnte Stellen zitieren oder Verweise finden, und doch konnte ich nicht genug wissen. Ich hörte mir Tonbänder von Kirchenführern an, sah alle Konferenzen, folgte jedem Wort und erwartete begierig, wie grundlegende Wahrheiten über ihre Lippen flossen.

Nach einigen Jahren begann ich allmählich Fragen zu stellen. Irgendwie kamen die Dinge nicht zusammen. Unbeständigkeiten und Widersprüche kamen an die Oberfläche und meine Fragen wurden als unwichtig abgetan. Das vergrößerte noch meinen Wunsch, nach Antworten zu graben. Und doch wollte ich nicht wahrhaben, daß mich die Kirche fehlleitet. In meinem Kopf und Herzen wußte ich, daß die Kirche wahr ist und daß die Propheten niemals jemanden fehlleiten würden. Dann bemerkte ich letztlich in einer bestimmten Konferenz etwas sehr Merkwürdiges. Die ganze Zeit glaubte ich, die Generalautoritäten sprächen aus tiefstem Herzen zu uns, während sie direkt in die Kamera sehen und aufrichtig Zeugnis von der Wahrheit des Evangeliums geben. Ich sah ihnen sehr, sehr genau in die Augen, um den Funken der Wahrheit zu entdecken, dabei entdeckte ich die Bewegung der Pupillen. Sie bewegten sich hin und her und dann traf es mich. Alle Sprecher lesen ihre Ansprachen von einem Teleprompter ab, während sie versuchen, die Zuschauer davon zu überzeugen, daß sie sie auswendig gelernt haben. Für mich ist es das, was mich zu der Überzeugung brachte, daß die Kirche nicht das ist, was sie von sich behauptet. Warum würde eine Generalautorität, die unbegrenztes Wissen über das Evangelium hat, ablesen müssen? Wenn er die Schlüssel zu Inspiration und Offenbarung hat, warum von einem Teleprompter ablesen? Das war eine Form von Betrug. Jede Ansprache, die ich in der Kirche gab, und das waren nicht wenige, wurde ohne Notizen und ausschließlich aus meinem Herzen gegeben. Es war mir wichtig, niemals etwas zu lesen, sondern aus den Tiefen meiner Seele zu sprechen. Warum konnten die Generalautoritäten nicht das gleiche tun? Warum ließen ihre Ansprachen die Gefühle des Geistes vermissen? Wo war die Wahrheit? Ich erlebte ein böses Erwachen. Ich dachte, wenn die Kirche in einem Stadium des Abfalls ist, wo ist dann die wahre Kirche?

Dies führte mich auf einen anderen Weg. Ich studierte die Fundamente des Mormonismus und fand Hunderte Kompromisse und Widersprüche, die mich von dem Betrug überzeugten. Meine Verärgerung wurde durch zwei Artikel in der Salt Lake Tribune sichtbar. Mein Bischof und mein Pfahlpräsident fanden nicht den Mut, sich mir zu stellen, da meine Artikel Wahrheit proklamierten, sie brandmarkten mich aber als Unruhestifter. Leute hielten sich von mir fern und ich konnte deutlich ihre Abneigung mir gegenüber spüren, wenn ich die Kirche besuchte. Das fachte das Feuer der Rebellion noch mehr an und ich beteiligte mich an der Unterzeichnung eines Appells, der von der Salt Lake Tribune im Juni 1996 veröffentlicht wurde. Drei Monate später wurde ich aufgefordert, vor einem Kirchengericht zu erscheinen. Fünfzehn Männer mit angeblicher Autorität versuchten mich mit ihrem Anwaltsgerede zu fangen, blieben aber erfolglos. Ich hatte keinen Verteidiger, obwohl das in Lehre und Bündnisse garantiert wird, aber ich stand allein auf weiter Flur. Ich bekam Gemeinschaftsentzug, aber bis heute weiß ich nicht warum. Ein Grund wurde nicht angegeben.

Seither habe ich mein Leben selbst in der Hand und betrachte mich nicht mehr als Mormone, auch wenn mein Name noch immer in den Unterlagen der Kirche geführt wird. Mir sind die Regeln und Richtlinien egal, wer welche Vollmacht hat oder welches Priestertum sie halten. Ich halte nur noch meine eigene Überzeugung in Ehren, meine Wahrheit, und werde niemanden wieder erlauben, meine Unabhängigkeit zu beschneiden.

Diejenigen von Euch, die die Absicht hegen, in die Reihen der Mormonen zu wechseln, seid bitte vorgewarnt, daß Eure Freiheit auf dem Spiel steht, Eure Gedanken werden nicht länger die Euren sein, und Eure Seele wird für Butterbrot verkauft. Bereitet Euch vor, einem Feind gegenüber zu stehen, der sich als Euer Bruder darstellt, und für die Zukunft, bereitet Euch darauf vor, hinausgeworfen und wie Schmutz behandelt zu werden, wenn Ihr selbst die Lüge nicht mehr leben könnt.

Ich schrieb dies nicht für meine eigene Befriedigung, sondern aus der Liebe, die ich für Euch habe.

Für immer Euer Freund,

Michael Gregor Wolfgang Friedrich Vogt

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