Erfahrungsbericht 1

Als 71er Jahrgang in Leipzig erlebte ich das Ende der DDR (Ostdeutschland) recht intensiv. Trotz der damaligen stalinistischen Regierung wuchs ich als aktiver Mormone auf, da sich bereits meine Großeltern der Kirche anschlossen. Die schlimmsten Verfolgungen, die ich je erdulden mußte, waren die Hänseleien der Schulkameraden und kleine Benachteiligungen durch übereifrige Lehrer und Vorgesetzte. Dies alles stärkte mich nur noch in meiner Mitgliedschaft, durfte ich doch das alles nur für meinen Glauben erdulden. Damals gab es noch keine Möglichkeit, einen Tempel zu besuchen. Als die Kirche 1985 den Freiberg-Tempel eröffnete, war die Freude unter den Mitgliedern groß, perfekt abgerundet durch ein neues, eigenes Gemeindehaus in Leipzig nur ein Jahr später.

Wie sich das heute in der Kirche gehört, wurde ich pünktlich mit acht Jahren getauft, mit zwölf aus der Primarvereinigung entlassen, bekam das Aaronische Priestertum und wurde Diakon, mit vierzehn Lehrer und mit sechzehn Priester. Wilde Jugendzeiten hatte ich nie, zwei Gläser Früchtebowle waren der einzige Alkohol, den ich je zu mir nahm (und nicht zu vergessen ein paar Schluck Hustensaft). Da das die einzige Abschweifung vom Wort der Weisheit war, ist doch klar, daß niemals eine Zigarette meine Lippen berührte. Das Gebot der Reinheit hielt ich so konsequent, daß ich bis zu meiner Erkenntnis nicht einmal eine Freundin hatte. So konnte erst gar nichts passieren – sehr zur Freude meiner Eltern. Mit achtzehn war ich in der Lage, das Melchisedekische Priestertum zu bekommen, was aufgrund meiner Vergangenheit auch gar kein Problem war. Auf der folgenden Pfahlkonferenz wurde ich zum Ältesten ordiniert. Ich schloß das Seminarprogramm erfolgreich ab und arbeitete u.a. als Berater im Aaronischen Priestertum.

Dann kamen die Wirren der Wendezeit. Die Kirche riet uns immer wieder ab, an den Demonstrationen in Leipzig teilzunehmen, zumindestens wurde uns verboten, als Mitglieder der Kirche aufzutreten. Also hielt ich mich zurück, doch als ich am 7. Oktober '89 im Fernsehen die Bilder aus Leipzig sah, war ich so empört, daß ich sofort meine Absicht kundtat, am folgenden Montag an der Demonstration teilzunehmen, wovon mich meine Eltern unter Hinweis auf Gefahr für Leben, Gesundheit, Zukunft und Kirche abbringen wollten. Es gelang ihnen nicht und der große Erfolg vom 9. Oktober '89 ist in Deutschland ja hinreichend bekannt. Nach und nach kamen auch immer mehr Mitglieder zu diesen Demonstrationen – selbstverständlich ganz privat.

Mit der Wende erfüllten sich endlich auch die lang ersehnten Hoffnungen, frei auf Mission gehen zu können. Diese neue Möglichkeit ergriff ich dann nach Lehre und Abitur zusammen mit einem guten Freund aus meiner Gemeinde. Wir wurden beide für zwei Jahre in die USA berufen und flogen gemeinsam ins MTC. Nach sieben Wochen Intensivsttraining ging es in mein Missionsfeld – die Arizona-Phoenix-Mission. Nach kurzer Eingewöhnungszeit mochte ich meine Tätigkeit sehr, konnte ich doch allen Menschen mein Zeugnis und meinen Glauben näherbringen; mein Wunsch, anderen zu dienen und für ’Gottes Sache‘ einzutreten, ging in Erfüllung, obwohl das die Aufgabe aller persönlicher Vorteile und Freuden für zwei Jahre bedeutete, aber das spielte keine Rolle. In dieser gesamten Zeit studierte ich ausschließlich in den Schriften der Kirche, mit der Ausnahme eines kurzen, aber intensiven Studiums der Zeugen Jehovas, wodurch ich die Fehler, aber auch die Geschlossenheit deren Lehre erkannte, ein Umstand, der sich mir noch als hilfreich erweisen sollte. Natürlich gab es auch schwere Zeiten, immer dann, wenn niemand unsere Botschaft hören wollte. Zum Glück waren diese Zeiten kurz und zum Ende meiner Mission waren alle Zweifel an der Inspiration meines Missionspräsidenten verflogen. Mein Wissen um die Kirchenlehre hatte sich gefestigt und mein Zeugnis von der Wahrhaftigkeit der Lehre war stark und aufrichtig.

So kehrte ich nach zwei Jahren in meine Heimatgemeinde nach Leipzig zurück. Wir hatten auf Mission gelernt, daß ein guter zurückgekehrter Missionar innerhalb eines Jahres heiraten solle. Doch dann kam die Ernüchterung. In Deutschland sind die Umstände völlig anders und schließlich wollte man ja auch nur ein gutes Mormonenmädel zur Frau nehmen. Jedenfalls verging die Zeit so mit studieren und jobben und in der Kirche gab es dann auch Berufungen, so wurde ich anderthalb Jahre nach meiner Rückkehr als Gemeindemissionsleiter berufen, und ich machte meine Arbeit ruhig, aber gründlich, für die folgenden zweieinhalb Jahre. Inzwischen gelang es meinem besten Freund, ein Teilstipendium in den USA zu bekommen und so sahen wir uns eine ganze Zeit nicht.

Als mein Freund und seine Frau nach Deutschland zurückkehrten, eröffneten sie mir und anderen Mitgliedern, daß sie kein Zeugnis von der alleinigen Wahrheit der Kirche mehr haben. Das war ein schwerer Schock (nicht nur) für mich. Selbstverständlich wollte ich ihn als Freund nicht verlieren, aber mir war klar, daß wir uns ohnehin auseinanderleben würden. Um nicht in seinen ’negativen Einfluß‘ zu geraten (und da ich mit meiner Arbeit sowieso sehr beschäftigt war), vermied ich sogar jeden Kontakt. Als ich dann eines Tages Lebewohl-Worte meines Freundes auf meinem Anrufbeantworter fand, wußte ich, daß ich es etwas übertrieben hatte und stand gleich am nächsten Abend bei ihm auf der Matte, denn so wollte ich unsere Freundschaft nun doch nicht enden lassen.

Unser erstes Gespräch wurde viel länger, als ich erwartet hatte, und das leidige Thema ließ sich natürlich auch nicht umgehen. Aber ich sagte, ich wolle mich mit ihm gar nicht über die Gründe seiner Entscheidung unterhalten. Als guter Freund konnte er mir aber helfen, mir über den wahren Grund dafür klar zu werden, nämlich, daß ich mein hart erarbeitetes Zeugnis von der Wahrheit gar nicht verlieren wollte. So deutlich mit meiner eigenen Aussage konfrontiert, kam mir diese selbst nicht gerade sehr logisch und rational vor. Also sagte ich mir, die Lehre der Kirche ist die Wahrheit und diese kann durch ein Studium von Fakten nur untermauert werden. Ich habe also nichts zu verlieren, im Gegenteil, mein Zeugnis wird sich festigen. Als Option war da noch die tatsächliche Falschheit des absoluten Wahrheitsanspruches der Kirche, aber in diesem Fall hätte ich ohnehin schon viel zu lange daran festgehalten. (Diese Möglichkeit verdrängte ich zwar, dennoch konnte ich sie nicht gänzlich ausschließen, da sich ja mein Freund und seine Frau dafür entschieden hatten.)

Anschließend gab er mir noch einige seiner Gründe mit auf den Weg, um mich zu motivieren, mich wirklich intensiv mit dieser Sache auseinander zu setzen. In dem Zwiespalt zwischen Hoffnung und Zweifel machte ich mich auf den Weg nach Hause, mit schlotternden Knien durch den bloßen Gedanken, die Kirche könnte sich als anders entpuppen, als sie sich darstellt. Die Sache ließ mir am nächsten Tag auf Arbeit keine Ruhe und noch auf dem Weg nach Hause wußte ich nicht, was ich tun sollte. Aber eine innere Triebkraft ließ mich eine Entscheidung treffen und schon stand ich vor dem Haus meines Freundes. Damit war klar, ich wollte mich mit Anspruch und Wirklichkeit der Kirche beschäftigen. Als guter Freund nahm er sich in den folgenden Tagen viel Zeit für mich, denn ich wurde plötzlich sehr gesprächsfreudig. Immer wieder mußte ich ihn unterbrechen, wenn es um große Dinge ging, denn ich wollte nur mit den Grundlagen der Kirche beginnen, das waren nach meiner Auffassung die Erste Vision, das Buch Mormon, das Priestertum und Joseph Smith im allgemeinen. Wir nannten diese Grundlagen einfach Ebene Eins.

Ich erhielt einige wertvolle Anregungen. Aber zwei Dinge waren beständig in meinen Gedanken. Wie kann man wissen, daß die verwendeten Quellen zuverlässige Informationen enthalten und wie würde das Alternativsystem zur Kirche aussehen? Zum ersteren fand ich durch Vergleichen mit anderen Quellen heraus, daß die meisten zuverlässig recherchiert sind und wirkliche Hetze gegen die Kirche sehr selten ist; und zum letzteren mußte ich feststellen, daß es kein Alternativsystem gibt, zumindest, daß es nicht statt Kirche X jetzt Kirche Y um die Ecke ist, sondern daß man selbst und für sich herausfinden muß, was ewige Wahrheit ist. (Für mich als gebürtigen Mormonen eine schier unvorstellbare Situation, denn die Kirche gibt den Mitgliedern haarklein vor, was zu tun ist, um in den Himmel zu kommen; nur die Umsetzung erfordert persönliches Engagement.) Weiterhin fand ich heraus, daß es in Deutschland nur wenig Literatur zum Thema Mormonismus gibt und das vorhandene durchweg von Außenstehenden geschrieben wurde. Welch unbedeutende Rolle die Kirche spielt, wurde mir erst damit bewußt.

Also beschränkte ich mein Studium vorerst auf Kirchen- und Sekundär-Literatur. Begonnen habe ich mit dem deutschen Freimaurertum, was wohl jedem Tempelmormonen, besonders denen, die ihr Endowment vor den Änderungen von 1990 bekamen, die Augen öffnen muß. Dabei waren die Fakten für mich nicht wichtiger als die Zusammenhänge des Wohers und Warums, denn diese ließen die gängige Erklärung der Mitglieder für die Übereinstimmungen als unlogisch erscheinen. Von meinem Freund erhielt ich ein Buch über die Anfänge der Kirche, das aber von einem glaubenstreuen Geschichtsprofessor sehr zeugnisstärkend geschrieben wurde. Es klärte mich endlich einmal über die wirkliche Geschichte der Kirche auf und zeigte mir, daß diese in der Kirche völlig verschleiert und verschwiegen wird und war daher für mich keineswegs zeugnisstärkend. Dazu holte ich mir noch Anregungen aus dem Internet. Abwechselnd gelacht und geweint habe ich bei den Berichten ehemaliger Mitglieder auf Eric Kettunens Webseite, diese Leute hatten die gleichen Gefühle wie ich.

Weiterhin begann ich, das Buch Lehre und Bündnisse einmal objektiv zu lesen und schaffte es, mir die ersten beiden Bände von der offiziellen History of the Church zu organisieren.

     Ein Lied berührte mich in jener Zeit besonders: „that's me in the corner, that's me in the spotlight – losing my religion“ (R.E.M.), denn meine Überzeugung wollte ich gar nicht verlieren.

Als Ergebnis meines Studiums wußte ich, daß die Informationen meines Freundes und aus dem Internet zuverlässig waren und daß offizielle Kirchenliteratur beschönigend und unvollständig geschrieben ist, Geschichte geändert und doch als absolut hingestellt wird, etwas, was in der einzig wahren Kirche nicht sein kann. Besonders gestört haben mich die Änderungen in Lehre und Bündnisse, das gesamte abergläubische Umfeld von Joseph Smith, die verschiedenen Versionen der Ersten Vision (der Fakten, nicht der Interpretation!), die Übersetzungspraktiken beim Buch Mormon und die offensichtliche Lüge über die Wiederherstellung des Melchisedekischen Priestertums, alles Dinge, die von der Kirche entweder verschwiegen oder völlig anders dargestellt werden und die gesamte Ebene Eins erschüttern, die Grundlage für mein Zeugnis von der Kirche.

Mit der Zeit erkannte ich dann auch die Zusammenhänge zwischen der Umgebung von Joseph Smith und der Entwicklung der Lehre der Kirche. Es wurde mir klar, daß er alles, was er an Wissen dazubekam, irgendwie mit in die Kirche eingeflochten hatte. Das fing mit dem Buch Mormon an (das er wohl doch selbst geschrieben hat) und setzte sich bis zu seinem Tod fort. Dabei zeigte er sein Genie durch das Aufgreifen von Ideen, die aber gänzlich umgearbeitet wurden, wodurch ein Beweis dessen schwerfällt. Bei der Einführung des Endowments beging er aber in meinen Augen einen entscheidenden Fehler. Es vergingen nämlich nicht einmal zwei Monate von der Zeit seines Eintritts in die Freimaurerloge und dieser Einführung, so daß er in diesem Falle nicht die Zeit hatte, alles so gründlich zu überarbeiten wie sonst. Und so kommt es auch, daß diese Tempelzeremonie in vielen Passagen den gleichen Wortlaut aufweist wie die Zeremonien in der Freimaurerloge. Den Ausschluß der Schwarzen übernahm Joseph Smith auch von dort. Aber auch geschichtliche Zusammenhänge über das Auftreten der Mormonen und den immer wiederkehrenden Vertreibungen wurden plötzlich klar. Es ist hier gar nicht möglich, alle meine Erkenntnisse darzulegen, aber mein Horizont öffnete sich durch die neue Herangehensweise in unglaublichem Maße.

Da ich jetzt ein Zeugnis davon hatte, daß die Kirche nicht das ist, als was sie sich darstellt, war es an der Zeit, entsprechende Konsequenzen zu ziehen. Es stellte sich für mich also die Frage, wie ich mein Zeugnis bekanntmache. Einerseits wäre es das einfachste, ich sage meinem Bischof Bescheid und komme nicht mehr; andererseits sah ich, wie Mitglieder sich die Meinung bildeten, daß mein Freund nur in Sünde verfallen sei und einen einfachen Ausweg gewählt habe, und wie er darauf reagierte. Das wollte ich für mich auf jeden Fall vermeiden und so festigte sich in mir die Idee, es öffentlich bekanntzugeben. Einige Zeit beobachtete ich die Kirche mit meiner neu gewonnenen Erkenntnis, aber auch in dieser Zeit hatte keiner meiner Priestertumsführer die Eingebung, daß etwas mit mir nicht stimmte. Es war schwer, ein Außenstehender in der eigenen Gemeinde zu sein, der Höhepunkt aber war die Absicht, mich in die Präsidentschaft des Ältestenkollegiums berufen zu wollen. Da konnte ich einfach nicht mehr so weitermachen.

Der folgende Sonntag war ein Fastsonntag, und damit eine Gelegenheit, mein Zeugnis zu geben. Ich wußte, daß das eine heikle Angelegenheit sein würde, aber aufgrund meiner Erwägungen beschloß ich, daß alle Mitglieder wissen sollten, woran sie bei mir sind. In meiner Planung beschränkte ich mich auf mein Zeugnis (da ich wahrscheinlich nicht viel Zeit haben würde und Erklärungen ohnehin zwecklos wären). Mein Puls war von Versammlungsbeginn an auf hundertachtzig, ich wußte nicht, ob ich den Mut besitzen würde, meinen Plan durchzuführen. Aber ich sagte mir, es sei doch die Wahrheit, ich habe sonst auch immer mein Zeugnis gegeben und ein Weitermachen wie bisher sei auch unmöglich. Also stand ich auf und setzte mich vorn auf das Podium. Ich schaute durch die Gemeinde, alles war normal. Ich stand auf und ging zum Rednerpult. „Liebe Geschwister, auch ich möchte ihnen heute mein Zeugnis geben. Ich möchte ihnen sagen, wie dankbar ich Christus bin für alles, was er für uns getan hat.“ Mein Herz raste. Meine Hände zitterten. Ich sprach ruhig und sah den Mitgliedern in die Augen. Doch meine Gedanken kreisten jetzt nur noch um eines. Den gesamten Stand, den ich mir in der Kirche erarbeitet habe, meine Freundschaften und mein gesellschaftliches Leben, das sich fast ausschließlich in der Kirche abspielte, sollte ich das wirklich aufgeben, nur für die nächsten Sätze? Noch konnte ich zurück, nur noch für ein paar Sekunden. „Ich weiß, daß die Kirche die einzig wahre und allein selig machende Kirche auf Erden nicht ist.“ Jetzt war's also doch raus. Ein Ruck ging durch die Gemeinde. „Ich weiß, daß Joseph Smith kein Prophet war, daß er keine Erste Vision hatte und das Priestertum nicht bekommen hat.“ Zwei Mädels verließen nacheinander den Raum, meine Familie und die anderen Mitglieder sahen mich fassungslos an, mein Vater hatte nur seine Augen geschlossen, es war leicht, seine Gedanken zu lesen. „Ich weiß, daß das Buch Mormon nicht von Propheten geschrieben wurde und daß Gordon B. Hinckley keine prophetischen Gaben hat.“ Meine Hände zitterten wie Espenlaub und doch sprach ich ruhiger und gefaßter als erwartet. „Geschwister, bitte versuchen sie dafür keine andere Erklärung zu finden, als nur die Unwahrheiten in der Lehre. Das gebe ich ihnen als mein Zeugnis im Namen Jesu Christi. Amen.“ Das resultierende Amen war erstaunlich stark. Sofort folgte eine offizielle Stellungnahme durch die Bischofschaft und noch bevor ich wieder saß, waren Freunde, zurückgekehrte Missionare, auf dem Podium. Aus dem eher schleppenden Zeugnisgottesdienst wurde eine sehr belebte Versammlung. Nach dem Gottesdienst war ich eine ziemlich gefragte Person, aber ich hielt es für besser, mich zurückzuhalten.

Natürlich wurden mit dieser Aktion alle bisherigen freundschaftlichen und familiären Beziehungen in Frage gestellt. Die Situation war anfänglich sehr angespannt. Aus vielen seither geführten Gesprächen mit Familien- und Kirchenmitgliedern konnte ich heraushören, daß man sich oftmals einer wirklich objektiven Einschätzung der eigenen offiziellen Kirchenlehre entzieht. Offensichtlich haben sich viele Mitglieder mit Diskrepanzen zwischen dem Anspruch der Kirche und der Wirklichkeit arrangiert, indem sie Abstriche auf beiden Seiten machen. Daß dies nicht geht – selbst aus Kirchensicht – scheint für diese Mitglieder nicht sehr wichtig zu sein, eine Freiheit, die zu nehmen ich nie gelernt hatte.

Eine Woche später hatte ich eine Unterredung mit dem Bischof, der zum Fastsonntag nicht anwesend war. Eine solche Anfeindung, wie bei diesem Gespräch, kannte ich aus meiner gesamten Zeit in der Kirche nicht. Der Bischof war richtig wütend darüber, daß ich es gewagt hatte, mein Zeugnis öffentlich vor der Gemeinde zu geben. Mir wurde unterstellt, daß ich gar nicht selbst studiert hätte und nur ein Werkzeug in den Händen meines Freundes gewesen sei. Alle meine Beteuerungen halfen nichts und erst, als ich Auszüge aus Büchern zitierte, die seine Aussagen total widerlegten, mußte er eingestehen, daß ich doch selbst gelesen und mir eine eigene Meinung gebildet hatte. Beruhigt hat er sich aber erst, als ich das Gespräch mit seinem ersten Ratgeber fortsetzte. Offensichtlich ist in der Kirche alles erlaubt, nur mit der Kirche aus Überzeugung zu brechen, ist das Allerletzte und wird keinesfalls toleriert. Wenn man trotzdem so unverfroren ist, muß man schon damit rechnen, keines ordentlichen Handschlages oder unvoreingenommenen Wortes mehr Wert zu sein. Zum Glück blieben dies Einzelerscheinungen und die meisten Mitglieder behandelten mich weiterhin mit Respekt, wenn auch mit Unverständnis und Zurückhaltung, wahrscheinlich genau so, wie ich meinen Freund anfänglich behandelt hatte.

Der Informationsaustausch zwischen Bischofschaft und Pfahlpräsidentschaft begann und sechs Wochen später wurde ein Disziplinargericht wegen dieser Sache einberufen. Mit dem Pfahlpräsidenten selbst hatte ich noch ein Vorgespräch, worin er wenigstens versuchte, meine Ansichten zu erfassen. Natürlich war auch er dazu nicht in der Lage, aber ich konnte wenigstens einige der über mich kursierenden Gerüchte entkräften, denen er so wie viele andere ebenfalls aufgesessen war. Die Einladung zur Verhandlung gab es schriftlich. An jenem Abend wurde ich in den Raum hereingebeten, der mit achtzehn Hohen Priestern bereits sichtlich überfüllt war. Das waren die Pfahlpräsidentschaft und der gesamte Hohe Rat, darunter auch mein Vater. Zuerst wurde ein Gebet mit den besten Wünschen für mich gesprochen und anschließend die Anklageschrift verlesen. Diese enthielt neben den oben beschriebenen Tatsachen auch jede Menge Unwahres, eben die genannten Gerüchte. Ich ließ es mir natürlich nicht nehmen, diese erst einmal als falsch darzustellen. Dann hatten die Hohen Priester Gelegenheit, Fragen zu stellen. Da viele von außerhalb kamen, durfte ich meine Geschichte noch einmal zum Besten geben, was ich aber kurz hielt. So kamen noch einige Fragen und Anschuldigungen, zu denen ich meine Sicht kundtat. Persönliche Meinungen ließ ich einfach so stehen, was will man schon gegen ein ’Zeugnis‘ sagen. Die Sicherheit in meinem Auftreten war offensichtlich sehr unbehaglich. Ich erklärte noch, daß ich keinen Grund für ein solches Disziplinarverfahren sehe, dann durfte ich den Raum verlassen.

Etwa eine halbe Stunde später wurde mir das Urteil verkündet: der Ausschluß aus der Kirche. Die einzige Begründung dafür war, daß man mich von meinen Tempelbündnissen entbinden wolle. Der Ausgang des Verfahrens war keine Überraschung für mich, da die Hohen Priester gar nicht anders entscheiden konnten. Denn obwohl ich alle Anschuldigungen entkräften konnte, ist die Sache mit den Tempelbündnissen für glaubenstreue Mormonen einfach zu schwerwiegend, als daß diese nicht herangezogen werden würde. Im schriftlichen Bescheid hieß es aber überraschenderweise dennoch, daß der Disziplinarrat „auf Grund Ihres Verhaltens, das den Gesetzen und der Ordnung der Kirche widerspricht, Ihre Exkommunizierung beschlossen hat.“ Ob mit diesem gesetzwidrigen Verhalten mein Auftreten in der Zeugnisversammlung, mein Auftreten vor dem Disziplinarrat oder die falschen Anschuldigungen der Anklageschrift gemeint waren, ging aus dem Bescheid nicht hervor. Auf einen Widerspruch gegen diesen Akt der Willkür verzichtete ich jedoch, denn letztlich wäre das Ergebnis das gleiche gewesen, sei es nun durch Ausschluß oder Austritt.

Etwa zwei Jahre später erfuhr ich den wahren Grund für meinen Ausschluß: die Hohenpriester einigten sich auf meine Abtrünnigkeit von dieser von mir einst so kühn verteidigten Kirche. Heute kann ich allerdings sagen, daß ich mein Leben genauso lebe wie zuvor, glücklicher bin und die Kirche gar nicht so vermisse, wie ich das anfangs eigentlich erwartet hatte. Im Gegenteil, ich genieße die neugewonnenen Freiheiten im Denken und Handeln sehr, ja sie sind sogar schon zur Gewohnheit geworden. Das Leben geht also weiter, oder mit anderen Worten: Es gibt ein Leben nach der Kirche.


zurückblättern